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Shawnasseh hielt den Apfelschimmel in einem lockeren Trab, während er über seinen Besuch im Ismantar-Tempel nachdachte. Es war wohltuend gewesen, wieder einmal unter anderen Druiden zu sein, doch auf seine Fragen hatte er keine Antworten erhalten. Tagelang war er durch die Gärten des Tempels gewandert, auf der Suche nach einem Abglanz von Yawannyes Geist, der dem Orakel zufolge dort noch wehen sollte. Stundenlang hatte er gebetet und sich in den Anblick der Blumen und Bäume versenkt, die in voller Frühlingsblüte standen, doch die Traumbilder waren vage geblieben. Es schien, als begänne sein Weg irgendwo auf Corigani - aber wo? Die Ältesten von Ismantar hatten ihn zur Geduld ermutigt, doch schließlich war er rat- und rastlos wieder aufgeb rochen. Er würde sich in die Karten vertiefen müssen, wenn er wieder in Taphan war. Irgendwo mußte sich eine Gegend finden, auf die die Bilder des Orakels paßten. Er würde nicht so schnell aufgeben.

Er schrak aus seinen Gedanken hoch, als die Wände der Yahankor-Klamm von galoppierenden Hufen widerhallten. Er wände sich im Sattel um und sah einen jungen Druiden, der seien Fuchs zur Eile antrieb. „Maltyr, wartet!“ Shawnasseh zügelte sein Pferd und ließ den Akolyten herankommen. Vermutlich war irgendeinem Ältesten die etwas eingefallen, das Yawannye einst gesagt hatte, und das er seinem Waldherren nun als Trost mit auf den Weg geben wollte. „Was gibt es?“ fragte er, als der junge Mann ihn erreicht hatte. „Sie ist im Tempel, Maltyr, und wünscht Euch zu sehen.“ „Wer wünscht mich zu sehen?“ fragte Shawnasseh irritiert zurück. „Sie! Die Göttin, Yawannye selbst!“ Der Druide blickte Shawnasseh an, offensichtlich entgeistert über die Begriffsstutzigkeit des Waldherren. „Nun kommt, Maltyr; ich sagte doch, sie wünscht Euch zu sehen.“ Er wendete sein Pferd und blickte über die Schulter. „Maltyr, ich bitte Euch - kommt endlich!“ Es dauerte noch einen Moment, bis Shawnasseh vollständig verstanden hatte; schließlich drückte er seiner Stute die Fersen in die Flanken und war trotz des Vorsprunges bald an dem Anderen vorbeigezogen.

„Ich sagte Euch doch: ich habe sie selbst kaum zu Gesicht bekommen; ich wurde nur geschickt, Euch einzuholen und zurückzubringen, weil ich ein guter Reiter bin.“ Der Akolyt war erschöpft, man merkte die Strapazen der zwei Gewaltritte an. „Trotzdem: berichte!“ entgegnete Shawnasseh. Der Bote seufzte. „Nun, wir waren gerade dabei, den ehemaligen Sommerpavillon Yawannyes im Großen Garten des Tempels zu renovieren, wie Ihr es uns aufgetragen hattet. Und plötzlich stand Sie vor den Arbeitern, angekündigt von nichts außer den vor ihrem Schritt erblühenden Blumen und...,“ hier stockte der Akolyt, „und der Vase, die im Schreck über Ihr Erscheinen zu Boden fiel. Sie schickte nach der Hohepriesterin - und dann nach Euch, Maltyr. Ich wurde zum Pavillon gerufen, und die Hohepriesterin trug mir auf, Euch auf dem schnellsten Pferd zu folgen und Euch die Nachricht zu überbringen.“ Shawnasseh verspürte den innigen Wunsch, sein Pferd wieder anzutreiben, doch auf dem steilen Bergpfad wäre dies eine unnötige Quälerei gewesen. So ließ er seine Ungeduld an dem Boten aus, indem er ihn mit immer neuen Fragen zum Auftauchen Yawannyes bestürmte. „Wie sah sie aus? Was für Gewänder trug sie? Was hat sie über den Grund ihres Besuches gesagt?“ „Mir gar nichts, Waldherr - ich bin nur ein Novize. Und ich habe Sie wirklich nur ganz kurz gesehen. Sie ist sehr schön, wie ein Gischogan in Blüte. Und Ihre Gewänder waren grün wie das Blattwerk eines Baumes, auf das die Sonne scheint,“ Er unterbrach sich. „Wir sollten absteigen, Maltyr, das Gelände wird zu schwierig für die Pferde.“ Shawnasseh stieg von seinem Pferd. „Tu mir einen Gefallen: führe mein Tier mit hinauf. Ich gehe schon vor.“ Er drückte dem Akolyten die Zügel in die Hand, ohne seine Bestätigung abzuwarten, und rannte den Pfad weiter hinauf in Richtung des Tempels.

„Wenn Ihr mir folgen wollt, Maltyr; Sie ist im Gartenflügel und spricht mit Yawannyelea Inanya.“ Shawnasseh malte sich die Nervosität der neuen Gischog-Rana aus, die während der Ssakat zur Nachfolgerin des kranken Yawannyelei Vasmant berufen worden war. Noch keine drei Monde im Amt, und plötzlich sah sie sich der Göttin selbst gegenüber. Die Akolytin ging ihm voraus, obwohl er den Weg natürlich auch selbst gefunden hätte. Doch der Tempel der Yawannye lag in der Hand und Verantwortlichkeit der Frauen, und so war es nur angebracht, daß er sich fuhren ließ. Seine Gedanken schweiften zu dem kranken Druiden, dessen Ernennung damals unter der weiblichen Priesterschaft solchen Aufruhr verursacht hatte. Er mußte bei der Göttin Fürbitte für Vasmant leisten! Der Gischog-Ran hatte dem Tempel treu gedient und sich der für einen Mann ungewöhnlichen Aufgabe als würdig erwiesen. Shawnasseh fühlte die Anspannung wie ein zu großes Stück Fleisch in seiner Kehle stecken, als die Akolytin vor einer Doppeltür aus Weißblütenholz hielt. Ohne daß sie geklopft hätte, erklang von drinnen eine klangvolle Stimme. „Führe ihn herein, Tochter!“ Das Mädchen öffnete die Tür und verneigte sich vor den beiden Frauen, die sich in tiefen Sesseln gegenübersaßen. „Shawnasseh Yahankorlei Astaphanti, Maltyr Astaph...“ „Wissen wir, Tochter. Danke, du kannst gehen. Komm herein, Shawnasseh!“ Er betrat den Empfangsraum der Suite und kniete in Richtung der links Sitzenden, während die Akolytin hinter ihm die Tür schloß. „Zy tyros lei, pi lei Yawannyeos. Ailym pi umal, leanucha zyta!“ „Na na, so alt sehe ich doch hoffentlich nicht aus, als daß ich deine Mutter sein könnte. Nun steh auf und setz dich, schließlich sind wir unter uns.“ Yawannye wies auf den noch freien Sessel. „Verzeiht, Yawannye; ich wollte nicht...” - Sie lächelte noch offener; offensichtlich genoß sie seine Verlegenheit. „Wollen wir jetzt anfangen, uns ernsthaft zu unterhalten?“ Sie lachte hell auf, als Shawnasseh errötete. „Bei der Weißblüte, solange bin ich auch nicht weggewesen, daß du dich nicht schnell wieder an meine Gegenwart gewöhnen könntest, oder? Gerade mal elf Jahre.“

Shawnasseh tat, wie ihm geheißen und versuchte, nicht zu auffällig zu starren, während er die Göttin eingehender betrachtete. Das grüne Kleid, das sie trug, war für die Göttin der Jungfräulichkeit aus sehr zartem Stoff und ließ den Ansatz der Brüste erahnen. Sie war in der Tat wunderschön - wenn auch reifer, weniger mädchenhaft, als die Bilder und Statuen sie zeigten. Noch schöner als er sie von ihrem letzten Aufenthalt in Erinnerung hatte - wenn das möglich war. Doch in ihren hellgrünen Augen funkelte jugendliche Unbeschwertheit und Koketterie, als sie ihn anlächelte. „Nun, du bist nach all den Jahren noch immer offen für meine Reize, wie ich sehe.“

Er atmete tief durch und versuchte, sich zu entspannen. „Ihr... überwältigt mich immer wieder, und überrascht mich mit Eurem Besuch, Yawannye.“ Sie nahm einen Schluck aus dem vor ihr stehenden Kelch. „Nun, ich bin hier. Aber sage mir, warum du mich in letzter Zeit so sehr zu sehen begehrt hast. Lange scheint es deinem Vertrauen in meine Führung nichts ausgemacht zu haben, daß ich nicht mehr selbst in Taphanac war.“ Shawnasseh nickte betreten. „Das stimmt. Seit ich der Bitte der Jaffhaleari entsprochen habe, mich auf die Suche nach den Aensirleirios zu machen, bin ich unsicher. Nicht, daß ich an der Wahrheit der Überlieferung zweifelte, aber es gibt soviel Gegenwärtiges zu tun in Taphanac und auf Corigani. Das Orakel der Druiden läßt mich im Unklaren, wo der Weg beginnen soll, und ich weiß einfach nicht,...“ Yawannye unterbrach ihn. „Du weißt nicht, ob der Weg die Mühen überhaupt lohnt. Und jetzt möchtest du, daß ich dir sage, er lohne sie, und hoffst, daß ich dich schon halb ans Ziel bringe.“ „Nein, so ist es nicht. Ich bin bereit, Mühen auf mich zu nehmen, um das Ziel zu erreichen; auch der Weg zu Canaadad war schließlich mühselig. Aber schon damals war ich sehr lange aus Taphanac fort. Kann ich jetzt schon wieder um einer mythischen Suche willen das Reich und seine Angelegenheiten alleine lassen? Weise ich nicht die Verantwortung des Maltyr von mir, wenn ich mich wieder auf eine Reise ungewisser Dauer und ungewissen Ausgangs begebe, trotz der Lage in Ashdaira oder der Frage von Lonadors Zukunft?“ Mit einem Mal stockte Shawnasseh in seinem Redefluß. Er hatte zu Boden geschaut, aber nun fühlte er, wie sein Blick nach oben gezogen wurde, bis er von ihren Augen eingefangen und festgehalten wurde. Er wanderte in das Grün wie auf eine Waldlichtung, die zum Ausruhen einlud, und er fühlte, wie Anspannung und Sorge von ihm abfielen. Das Bewußtsein von Yawannyes Gegenwart erfüllte ihn mit einer Ruhe, wie er sie so umfassend noch nie gekannt hatte.

Ihre Stimme säuselte in seinem Ohr wie die Blätter des Hochwaldes vor Taphans Toren im Eulenwind. „Sieh und entscheide!“ flüsterte Yawannye. Er sah sich auf der Lichtung stehen, auf der die Glyapsusog blühte; die Lichtung, auf der die Aensirleiri einst von ihren menschlichen Gefährtinnen Abschied genommen hatten. Er fühlte die Liebe der Frauen, ihre Trauer über den Verlust, und auch die Traurigkeit der Einhörner. Sie hatten ihre Gefährtinnen nicht freiwillig verlassen, wurde ihm klar; die Verpflichtung, dem Ruf zu folgen, hatte ihre Liebe nicht gemindert. Irgendwo warteten sie darauf, sich wieder mit den Jaffnaleari zu vereinen - und wenn er nicht ginge, würde sich diese Erwartung nie erfüllen. Shawnasseh kam zu sich, als die Akolytin den Raum betrat. „Die Priesterinnen sind bereit für den Gischganreigen,“ sagte sie schüchtern, und Yawannye nickte. „Danke dir, meine Tochter. Warte noch einen Moment draußen, du solltest den Maltyr nach unten begleiten.“ Das Mädchen verneigte sich und zog die Tür wieder zu. Shawnasseh erhob sich. „Jetzt weiß ich, daß der Weg die Mühen lohnt. Ich danke Euch, Mala Itysos.“ - „Du mit deinen Ehrentiteln.“ Gespielte Strenge zeigte sich auf Yawannyes Stirn. „Ich und Herrin des Lebens; wenn das der Widder hört, oder gar Aene. Ihr müßt nicht immer so übertreiben mit eurer Verehrung “ Sie lächelte wieder. „Geh jetzt, Shawnasseh, und sorge dich nicht. Der Weg des Lebens führt oft über Abkürzungen, die wie Umwege wirken, solange man noch nicht auf sie zurückblicken kann. Kehre nach Taphan zurück; bist du dort bist, wirst du wissen, von wo aus es weitergeht.“ Sie griff in eine Falte ihres Kleides, die es vorher nicht gegeben zu haben schien. „Hier, nimm die hier mit. Sie ist zwar keine Landkarte, aber sie kann dir ein Schwertstem sein, wenn es darauf ankommt.“ Sie reichte ihm eine Glyapsusog. Shawnasseh nahm die zerbrechlich wirkende rot-violette Blume in die Hand und steckte sie mit der Fibel an seinem Umhang fest. „Ich danke Dir, Yawannye, ich danke Dir von Herzen.“ Er verneigte sich und sprach erneut die Grußformel. „Ein Anliegen hätte ich noch.“ Sie sah ihn ernst an. „Vasmant wird seinen Weg gehen, auch wenn er die Passage beinhaltet. Sorge dich nicht um ihn; er wird das Tal in der Mitte betreten.“ Mit einer erneuten Verbeugung verließ Shawnasseh den Raum und vertraute sich der Führung der Akolytin an. Durch die geschlossene Tür meinte er, Yawannyes Lachen zu hören, als sie sich an die Hohepriesterin wandte. „Von mir hat das Orakel offensichtlich nichts gesagt. Eines ist sicher: Männer machen immer unnötig viele Worte, wenn sie mit einer Frau sprechen, die über ihnen steht.“

Als der nächste Abend hereinbrach, hatte Shawnasseh bereits einen großen Teil der Yahankor-Klamm durchquert. Er war entschlossen, möglichst schnell nach Taphan zurückzukehren, um mit Yaltana zu reden. Sie mußte Taphanac in seiner Abwesenheit fuhren. Doch für diesen Tag war er weit genug geritten. Er stieg vom Pferd, nahm ihm die Packtaschen ab und ließ es grasen. Er holte einen Laib Gransat-Brot und etwas Obst aus der Tasche, lehnte sich an einen Baum und begann zu essen. Wie praktisch ständig seit seiner Abreise dachte er über Yawannye nach. Sie war so plötzlich wieder aufgetaucht - und doch erfüllte sie alle Hoffnungen, die er an ihre Wiederkehr geknüpft hatte, und mehr. Er würde nie wieder Grund haben, an ihrem Beistand zu zweifeln, dessen war er sich sicher. Versonnen blickte er auf die Glyapsusog-Blüte an seinem Umhang. Wenn er sie nach seiner Reise noch hätte, auf der sie ihm als Schwertstem dienen sollte, wie Yawannye gesagt hatte, dann würde er sie im Palastgarten einpflanzen. Vielleicht würde sie ja dann zum ersten Mal an einem weiteren Ort als der Lichtung der Trauer zu blühen beginnen, das wäre ein gutes Zeichen für die Jaffhaleari. Die Blume begann plötzlich leicht in einem Grünton zu schimmern, der ihn an die Augen der Göttin erinnerte. Shawnasseh fühlte, wie der Baum in seinem Rücken sich öffnete, um ihn in sich aufzunehmen. Noch ehe er entscheiden konnte, ob er versuchen sollte zu widerstehen, war er bereits im Inneren des Holzes eingeschlossen. Die Ruhe des Baumes überwältigte ihn, nahm ihm das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, lag er neben einem Baum auf der Erde und hielt die Glyapsusog- Blüte in der Hand. Doch es war ein anderer Baum, andere Erde. Pferd und Packtasche waren

verschwunden. Er war nicht mehr in Taphanac.
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