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Darascon ist eine Hafenstadt im Tiefland der Insel Groß-Danamére, der Hauptinsel des danamerischen Inselkreises.


Auf der Walz Bearbeiten

Erfahrungen eines Schiffsbauergesellen an fernen Küsten

Aufgeschrieben von Comersicapitano Kol Fer Barin-Sang


Kapitel 11: Ankunft in Groß-Danamére Bearbeiten

Es war der dritte Tag der zweiten Woche unserer Überfahrt. Der Morgen war strahlend, der Himmel blau mit wenigen schnell dahinziehenden Wolken. Nur am Horizont zeichnete sich eine dichte graue Wolkenbank ab, auf die wir nun zuhielten. Im Laufe des Vormittags tauchten aus verschiedenen Richtungen weitere Segel auf, die auf das gleiche Ziel wie wir zuzusteuern schienen – abgesehen von einigen, die offenbar in der Gegenrichtung unterwegs waren.

Schließlich rückte die Wolkenbank näher und entpuppte sich als himmelhoch auf dem Wasser liegende Nebelwalze, die teilweise im Sonnenlicht fast weiß schimmerte, aber auch horizontal verlaufende dunkelgraue Schatten umfasste. Der Schiffsverkehr war hier deutlich dichter als während der ganzen bisherigen Überfahrt. Wir zogen an einem schwerfälligen, tief im Wasser liegenden altmodischen Lastensegler vorbei und fuhren weiter auf die undurchdringlich wirkende weißgrau marmorierte Barriere zu. Je näher wir kamen, desto deutlicher erschien die Grenze zwischen klarem Himmel und der walzenförmigen Nebelwand – ganz anders als ich das von anderen Nebelbänken gewohnt war, denen ich zuvor auf meinen Fahrten begegnet war. Undeutliche Schemen zeichneten sich darin ab, als ob man durch ein dünn geschabtes Palimpsest zu blicken versuchte. Unbeirrt hielt unser Kapitän in diese Brühe hinein. Erst im letzten Moment, bevor wir endgültig eintauchten, befahl er noch eine kleine Kursänderung um 10 Grad nach Steuerbord. Dann waren wir von den Nebelwogen umgeben. Doch dieser Nebel schien mir anders, als ich es je erlebt hatte. Er war längst nicht so dicht und feuchtigkeitsgeschwängert, wie es von außen gewirkt hatte, dennoch drang das Licht unserer Bordlampen kaum ein paar Schritte weit, bevor es zurückgeworfen wurde. Der Kapitän befahl, die Lampen am Bug und auf der Brücke zu löschen; tatsächlich wurde nun die Sicht besser. Verschwommene Schatten tauchten vor uns im anscheinend bereits wieder dünner werdenden Nebel auf und verschwanden wieder. Plötzlich zeichnete sich steuerbord voraus im Dunst eine Klippe ab, zog sich aber zurück, als wir näher kamen. Ja, tatsächlich – sie wurde kleiner und verschwamm immer mehr, als ob wir uns von ihr weg statt auf sie zu bewegten. Unbeirrt hatte unser Steuermann den Kurs beibehalten. Immer wieder tauchten nun ähnliche Sichtungen auf und veranlassten den Ausguck, Landmarken auszurufen – allerdings mit seltsamen Codes wie »Hallans Turm, Steuerbord 30 rück 40«, die mir unverständlich blieben. ›Hallans Turm‹ war wohl der Name der schwarzen Felsnadel, die kurz in einer wabernden Nebelwolke auftauchte und wieder verschwand. Einmal erspähte ich ein Stück eines bewaldeten Küstenstrichs, der gleich darauf von einem fremden Segler an fast gleicher Stelle abgelöst wurde, dann wieder so etwas wie das Spiegelbild eines Stücks sonnenbeschienener See mitten in einem dichten Klumpen von Nebelschwaden. Als ich einmal zurück blickte, bemerkte ich mit Erstaunen, dass hinter uns der Nebel nur noch einen dünnen Schleier zu bilden schien. Scheinbar nur wenige hundert Meter hinter uns konnte ich durch losen Dunst die offene See erkennen und sogar noch den schwerfälligen, altmodischen Lastensegler, den wir vor der Einfahrt in die Nebelbank überholt hatten und der eigentlich nun schon einige Seemeilen hinter uns zurück geblieben sein sollte – bevor eine einzelne Schwade vorbei zog und den Segler verdeckte. Als sie wieder verschwunden war, konnte ich das Frachtschiff zuerst nirgends mehr sehen – bis ich ihn scheinbar gut doppelt so weit entfernt und um mehrere Grad nach Backbord versetzt wieder entdeckte.

Dann tauchten abwechselnd backbord und steuerbord felsige Ufer auf, bis es plötzlich hell um uns wurde und wir übergangslos auf eine glatte, sonnenbeschienene See hinaus fuhren. Hinter uns blieb die Nebelwalze zurück, die nun einen weiten, hell leuchtenden Bogen hinter uns sowie links und rechts bildete.

»So, das Schwerste hätten wir geschafft«, sprach mich mein Begleiter an. »- die Einfahrt in den Golf von Danamére ist nicht ganz ungefährlich, es gibt da einige Riffe. Aber unsere Mannschaft kennt die Fahrrinne und den Nebel wie ihre Westentasche. Das heißt, falls sie Westen mit Taschen hätten.«

Der Kapitän befahl nun, etwas nach Steuerbord abzufallen. Nach gut einer Stunde bei wenig Wind und klarem Himmel näherten wir uns gerade erneut dem Nebel, als der Gong zur Wachablösung ertönte. Wieder konnte ich das seltsame Ritual beobachten, das meines Wissens nur auf danamerischen Schiffen üblich ist: Der Ausguck verliess sein Krähennest; unten wartete bereits die Ablösung. Er öffnete seine Weste, zog sein Amtsmedaillon an dessen Kette hervor, nahm es ab und legte es seiner Ablösung an. Eine ähnliche Szene vollzog sich währenddessen auf dem Steuerdeck zwischen Erstem und Zweitem Navigator, ja sogar am Bug zwischen den Lot-Maaten.

Von Chelodarn kannte ich Amtsketten und -Medaillons eigentlich nur bei Bürgermeistern und dergleichen Honoratioren. Diese sind jedoch üblicherweise schwer und aufwändig aus Gold gearbeitet. Die Amtszeichen eines danamerischen Ausgucks sowie des Lot-Maats dagegen – geformt wie ein etwa pflaumengroßes Lot, mit einer etwa kirschkerngroßen Bohrung an der dicksten Stelle – bestehen lediglich aus einer Art geglätteten grauen Steins, getragen an einer mattsilbernen dünnen Kette. Das Amtszeichen des Steuermanns besteht aus demselben Material, ist aber größer und flacher, eine Scheibe mit dem Umiß und auch der ungefähren Größe einer Birne, ohne jede Zier außer einem kreisrunden Loch in der unteren Hälfte, groß genug, um einen Finger hindurch zu stecken – doch sicher als Ring ungeeignet.

Als ich diese doch recht merkwürdig anmutende Übergabe-Zeremonie das erste Mal beobachtet hatte, hatte ich meinen Begleiter danach gefragt und war etwas enttäuscht, als dieser das als uralte, doch bedeutungslose Tradition der danamerischen Seefahrt abtat; nun hatte ich mich selbst längst daran gewöhnt und war nur verwundert, dass sie so kurz vor dem Zielhafen nochmals dieses aufwändige Ritual des Wachwechsels durchführten. Kaum waren alle wieder auf ihren Posten, tauchten wir wieder in den Nebel ein. Es dauerte dieses Mal nach meiner Schätzung nicht einmal eine halbe Stunde, als aus dünner werdenden Dunstschleiern ein Leuchtfeuer am Ende einer steinernen Hafenmole und gleich dahinter eine drei Schiffsbreiten weite Hafeneinfahrt zwischen gemauerten Türmen auftauchte. Wir hatten Darascon, unseren Zielhafen, erreicht.

Der Hafen selbst war noch voller Dunstschwaden – wie ich später erfuhr, nennen die Danameri dies Dul; sie unterscheiden an die zwei Dutzend verschiedene Arten des Nebels – doch die Stadt dahinter lag wenige hundert Schritt weiter schon im vollen Sonnenschein dieses frühherbstlichen Tages, und es herrschte reges Markttreiben auf ihren Straßen.


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