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Corigani: Aldaron Schutzgebiete


Das Geschenk der Tachnai

Diesmal, meine Kinder will ich euch eine traurige Geschichte erzählen - oder aber...ist sie wirklich so traurig? Entscheidet selber, wenn ihr diesem Märchen lauscht, das noch aus unserer alten Heimat stammt, in der die Göttinnen angekettet waren. Die Tachnai, so weiß ich zu berichten, waren die bösen Geister der Nacht, die Seelen jener Frauen, die durch Unrecht gestorben waren - ob nun durch die Hand ihrer Männer erschlagen, oder durch ein falsches Gesetz verbrannt... Ihr werdet sehen.


Das Geschenk der Tachnai Bearbeiten

Es war in einer mondhellen Nacht. Das Lichtgestirn tauchte die Landschaft in bleiches, kaltes Dämmerlicht und ließ die wenigen verkrüppelten Bäume an der Küste wie reglos verharrende Seelen der Toten erscheinen. Die Felsen, schroff aus dem niedrigen Gras hervorragend, warfen seltsame Schatten, die sich zu bewegen schienen, und das Meer glitzerte sanft. Bang wachten die Menschen in ihren Hütten und hofften, daß die Nacht bald vorüber sei, in der die bösen Geister, ja auch die Tachnai wach wurden und Sterbliche zu verderben suchten...

Mütter prägten ihren Kindern dies ein und warnten sie die Hütten zu verlassen, auch wenn sie lockende Stimmen hörten. Denn wer auch immer dieses Gebot übertrat, verschwand spurlos und ward nie mehr gesehen. Auch das Mädchen, das zum Meer schritt und hineinblickte wußte wohl, was sie wagte, doch Sarel, so nannte man sie, fürchtete sich nicht. Langsam und mit wehendem Gewande wanderte sie an den Booten der Fischer vorbei und betrachtete mit großen, offenen Augen die geheimnisvolle Landschaft.

SIE hatten ihr alles genommen. Ihre Träume, ihre Hoffnungen und ihre Liebe. Sarel schrie ihre Wut mit Tränen in den augen hinaus in die Stille der Nacht und nur das sanfte Rauschen des Windes antwortete ihr: "ich hasse euch! ich verfluche euch! Oh, wie ich wünsche, daß ihr alle so leidet, wie ich jetzt!"

Und die Erinnerung kehrte in ihren Geist zurück, so klar, als habe sie es erst jetzt erlebt.

Vater und Mutter hatten sie vor einigen Tagen noch vor Sonnenaufgang aus dem Schlaf gerissen, um ihr zu sagen, was sie entschieden hatten: "Kind, es ist Zeit mit dir zu reden. Du hast das Alter erreicht, in dem du erwachsen wirst." Das hatte Sarel wohl erwartet, sie freute sich schon darauf, zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen, und ihr einzigster Wunsch war nur, die Gefährtin Elgyns, des Schmiedsohnes zu werden, der auch an ihr Gefallen gefunden hatte. Doch nicht das, was ihr Vater ihr nun sagte hatte sie je erwartet: "Tochter, es ist Recht und Sitte, daß alle sieben Jahre ein Mädchen aus unserem Dorfe hinauf in den großen Tempel geht und den angeketteten Göttinnen in Demut und Keuschheit dient. Die Ältesten haben dich erwählt, denn keine andere in deinem Alter ist schön, klug und so bescheiden wie du. Sarel, du wirst es gut haben dort."

"Nein!" hatte Sarel entsetzt geschrieen, bedeutete es für sie doch an einen anderen, ihr fremden Ort zu gehen, in ein Haus aus Stein, das das Raunen des Windes fernhielt und große, starke Mauern besaß. Kein Mädchen aus dem Dorfe hatte die strenge Pflicht und das Eingesperrtsein lange überlebt. Doch Sarel wollte lange leben und viele Kinder haben wie ihre Muhme, die mehr als hundert Sommer erlebt hatte! Sie wollte an der Seite ihres Gefährten alt werden und ein erfülltes Dasein haben, auch wenn sie hungern mußte - und nicht verwelken wie eine Blume. Und wenn es keinen anderen Weg gab... so wollte Sarel ihr Leben schon jetzt enden, sollte die verwunschene Dunkelheit ihr doch dabei helfen. Entweder fand sie einen Ausweg oder die sanfte Umarmung des Todes.

Plötzlich aber sah das Mädchen zu ihren Füßen etwas aufblitzen und blieb stehen. Neugierig beugte sie sich hinunter, obgleich ihr Verstand warnend wisperte, es nicht zu tun, denn waren die kristallnen Muschelschalen nicht üble Vorzeichen und brachten Unheil? Doch das Schimmern des gewölbten Steines ließ sie zittern und nach ihm greifen. Wunderschön war er, und ein seltener Schmuck. Ihn wollte sie bei sich tragen, in sein Licht sehen, seine Farben.

Das Licht des Mondes brach sich in der Kristallschale, die einer Muschel ähnelte und zauberte einen Regenbogen in ihre Augen und über das Meer, vermischten sich zu wirren, ständig wechselnden Mustern.

Sarel spürte, wie ihre Traurigkeit und Verzweiflung schwand, wie Wolken in stürmischem Wind. War die Dämerung nicht schon nahe und tauchte den Himmel in einen fröhlichen rosigen Schein? Das Mädchen hob den Kopf und lachte, als sie sah, wie ein Jüngling über die Dünen auf sie zulief und ihre Hand ergriff. Sie lief mit ihm zum Meer... Auch wenn er nichts sagte, so schien sich alles doch noch zum Guten gewendet zu haben - es war wunderschön... Doch sah sie nicht den Schatten, der sich von den Felsen löste und triumphierend die Arme zum schimmernden Rund des Lichtmondes hob:

Verflucht sollst du sein, Kind, verflucht wie alle anderen zuvor, die mein Geschenk annahmen. Leide und sterbe dann, so wie ich gelitten habe, als dein Ahn die Fackeln in das Reisig zu meinen Füßen warf.

Das ist meine Gabe an dich...!

Und doch - plötzlich schien die düstere Gestalt zu schwinden und zu erstrahlen, wie das Himmelsgestirn, und ein weiterer lautloser Schrei schreckte die Möwen auf den Felsen auf. Nein! Was ist geschehen? Mein Fluch...warum ist er die Befreiung für meinen Geist?

Wenige Tage später kamen Reiter in das Dorf, um das erwählte Mädchen in den Tempel der Göttin zu bringen. Doch als sie sie sahen, wichen sie abweisend zurück. "Bei den Göttern. So können wir das Mädchen nicht mit uns nehmen! Der Brauch verlangt ein an Körper und Seele reines Mädchen - doch diese ist nicht mehr bei sich! Bringt uns eine neue Erwählte - nicht diese Irre!" Sarels Mutter blickte mit verweintem Gesicht auf ihre Tochter, die bleich auf der Bank vor ihrem haus saß und eine kleine Kristallmuschel vor ihre Brust presste. Weder sprach Sarel, noch nahm sie Wasser oder Nahrung zu sich. Ein Versuch, dem schwarzhaarigen Mädchen das Kleinod zu nehmen, war nicht gelungen, hatte sie doch geschrien, gewimmert und sich wie eine Wilde gewehrt. Nur einen Tag zuvor hatten sie zu Sonnenaufgang am Dorfbrunnen gefunden, auf dem Rand kauernd und glücklich lächelnd. Der entrückte Glanz ihrer Augen war geblieben, und der Fluch hatte sie nicht geschont, der in Vollmondnächten über diesen Landstrich kam, seit vor drei Generationen tapfere Männer die Zauberinnen gefunden und verbrannt hatten, die die braven Mädchen verdarben...

Sarel aber war glücklich. Die Männer hatten ein anderes Mädchen erwählt und sie hatte Elgyn heiraten dürfen. Sie lebte für ihn, für sich und dann auch ihre Kinder - drei stattliche Söhne und vier schöne Töchter. Sie sah sie heranwachsen und selbst Eltern werden...

Mit hundert Jahren, nach hundert Tagen ihres Traumes starb Sarel.

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