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Das Schwert des Waldes
Eine Geschichte aus Taphanac auf Corigani


Die Schriftrolle (Tischri 412 n.P.) Bearbeiten

"Maltyr, ich muß Euch etwas zeigen!" Der junge Bibliothekar war sichtlich aufgeregt. Sein Hemd war staubbedeckt, in seinen Haaren hingen einzelne Spinnweben. Shawnasseh mußte lächeln. "Was gibt es denn, Arikan, das so wichtig ist, daß du die hintersten Winkel der Bibliothek mitbringst?" Er machte eine beiläufige Geste, als wolle er sich Staub von der Tunika wischen.
Arikan errötete. "Oh Verzeihung, Waldherr, ich hatte..." - "Schon gut," unterbrach Shawnasseh ihn, "ich furchte mich nicht vor Staub. Was hast du entdeckt?" Er deutete auf die Schriftrolle in Arikans Hand.
"Ich war dabei, ein paar ausgelagerte Truhen im neuen Flügel der Bibliothek einzuordnen. Diese Rolle war darunter, doch es ist keine von unseren Schriften. Seht, die Rinde ist ganz anders verarbeitet." In der Tat hatte auch Shawnasseh eine solche Rinde noch nie zuvor gesehen. Sie war ungewöhnlich fein und von einem blassen Grünton. Das eingerollte ryppih wurde von einem Siegel aus smaragdfarbenem Wachs zusammengehalten.
Der Waldherr nahm die Rolle in die Hand. "Es war weise von dir, sie nicht zu öffnen, Arikan. Sie mag mit einem Schutzzauber versehen sein." Er betrachtete das Siegel eingehender. Ein schlankes, fast zierliches Schwert - geritzt, nicht gepreßt, kaum zu erkennen. Shawnasseh schloß die Augen und bat Yawannye um Schutz, während er die Worte eines Zaubers murmelte.

Die Rindenrolle begann, ein schwach grünliches Licht auszustrahlen, und Shawnasseh sah Arikan zurückweichen. "Keine Furcht, sie birgt keine Gefahr - jedenfalls nicht für uns. Sie erkennt unsere Freundschaft zu den Wäldern. Für jemand anderen allerdings hätte sie gefährlich sein mögen." Behutsam brach er das Siegel und entrollte das ryppih. Seine Augen weiteten sich, als er die sanft geschwungene Schrift entzifferte.


In einem Wald, den alle meiden, bin ich das Innerste des Innersten der Bäume.
Ein Nicht-Waldmensch wird nicht einmal erkennen mich,
Geschweige denn ergreifen können,
Denn der Wald selbst ich bin.
Nur ein Mensch des Waldes mag es wagen, auf sich zu nehmen alle Plagen,
Und letztlich zu betreten meinen Wald;
Und nur solchem mag gelingen
Mich zu finden und zu erringen.
Doch selbst, wenn dies er schafft, bin ich nicht ohne Weit'res sein,
Denn hat vergessen er
Das Wichtigste, so ist er mein, und wird auf ewig bei mir sein.
Doch wer mich einmal hat errungen, dem ist ein großes Ding gelungen.
Denn dessen Wald auf ewig ich beschütze vor Gefahr.
Denn ich bin CANAADAD, des Waldes Schwert fürwahr.


Er laß die Worte ein zweites, ein drittes Mal, überlegte angestrengt, was sie bedeuten mochten. "Ist es ... etwas Wichtiges?" Arikans scheue Stimme riß ihn aus seinen Gedanken. Der Bibliothekar wartete auf Lob oder Tadel. Shawnasseh griff an seinen Gürtel und entnahm dem Geldbeutel eine Handvoll Münzen, teils golden, teils silbern. "Ja, das ist es wahrlich. Ich danke dir, Arikan. Warum nimmst du dir nicht frei und kaufst Yamia ein Schmuckstück?"
"Aber das ist doch nicht notwendig, Maltyr." Der Bibliothekar blickte zu Boden, offensichtlich verlegen angesichts Shawnassehs Informiertheit um seine heimliche Angebetete.
"Aber es ist gewollt," lächelte Shawnasseh. "Sei froh, daß ich um deine Gefühle für Yamia weiß, sonst wäre ich womöglich selbst auf Gedanken gekommen. Sie ist wirklich ein bezauberndes Mädchen. Geh, und sage Ralen, daß ich dir freigegeben habe."
"Ich danke Euch, Maltyr. Möge der Inhalt der Rolle Euch und Taphanac reichen Nutzen bringen." Arikan verbeugte sich und verließ den Raum.
Nachdenklich ließ Shawnasseh sich in einen gepolsterten Stuhl fallen und las die Rolle ein weiteres Mal.
In einem Wald den alle meiden - welcher Wald mochte damit gemeint sein. In Taphanac gab es keine Wälder, die man meiden mußte. Er meinte, sich an eine Meldung im Boten Coriganis erinnern zu können. Er würde Ralen mit der Durchsuchung der Archive beauftragen. Das Innerste des Innersten der Bäume - hieß das, daß das Schwert sich innerhalb eines Baumes befand? Dann wäre es wahrlich eine Kunst, es zu finden, Waldmensch oder nicht. Welcher Wald hatte schon einen genau bestimmbaren innersten Baum?
Doch wenn vergessen er das Wichtigste, so ist er mein. Konnte man Canaadad dem Baum entnehmen, ohne ihn fällen und damit töten zu müssen?
Ohne daß es ihm bewußt geworden war, hatte er sich erhoben und begonnen, unruhig im Raum auf und ab zu gehen. So viele Fragen... was, wenn gar nichts daran, wenn es nur eine alte Legende wäre? Denn dessen Wald auf ewig ich beschütze vor Gefahr. Es war den Versuch wert; entschlossen eilte er aus dem Raum, in den Flügel des Palastes, der die Bibliothek beherbergte. "Ralen!" Der Leiter der Bibliothek und des Archivs Taphans eilte herbei, noch dienstbeflissener als sonst - wahrscheinlich hatte ihn die Nachricht von Arikans Belohnung mit zusätzlichem Eifer erfüllt. "Ja, Waldherr?" - "Ralen, ich möchte, daß du mir etwas aus dem Boten heraussuchst." Er erläuterte Ralen in knappen Worten seine Aufgabe, dann verließ er den Palast, um Yawannyelea Maltansia aufzusuchen. Vielleicht wußte die Druidin etwas über Canaadad.


Der Traum (Marschäschwan 414 n.P.) Bearbeiten

"Wenn Ihr Euch noch eine kleine Weile gedulden wollt, werter Herr." Der junge Mann deutete auf einen bequemen Sessel. "Nehmt doch Platz und bedient Euch an den Erfrischungen. Die Bewahrerin wird Euch selbst durch den Traum geleiten, aber sie hat gerade noch einen anderen Sucher. Es kann nicht mehr lange dauern."
Shawnasseh setzte sich und nahm sich eine Frucht aus der reichlich gefüllten Schale. Während er seine Blicke durch den einfach, aber geschmackvoll eingerichteten Raum schweifen ließ, ergab er sich den Erinnerungen an die hinter ihm liegende Reise. Waren wirklich schon zwei Jahreskreise vollendet, seit der junge Bibliothekar ihm die Schriftrolle mit der Legende von Canaadad gebracht hatte? Er zählte in Gedanken die Monde zurück. Zwei volle Jahre, und er war immer noch nicht näher daran, das Schwert des Waldes zu finden. Gut, es kam eigentlich nur ein Wald in Frage, das hatte er auch Owerons Andeutungen zu entnehmen gemeint, aber sicher war es noch lange nicht. Es mochte immer noch sein, daß er einem Phantom hinterherjagte, währenddessen es eigentlich galt, den frisch ausgehandelten Frieden mit Actys zu stabilisieren, Geowyn in seinen innenpolitischen Problemen beizustehen, ein Auge auf Perist-Ran zu halten, Taphanacs Teil zum aktiven Weiterbestand der LIFE beizutragen, und, und, und... Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob es richtig war, sich um einer Legende willen so lange aus dem Reich, das ihm anvertraut war, entfernt zu haben. Wenn Ilkas Traummagie ihm nicht weiterhalf, würde er die Angelegenheit aufgeben, das hatte er während des letzten Teils der Reise beschlossen.

"Shawnasseh! Es freut mich, Euch endlich persönlich kennenzulemen." Die warme Stimme riß ihn aus seinen Grübeleien. Hastig stand er auf, verbeugte sich leicht und drückte einen flüchtigen Kuß auf den Rücken der Hand, die sich ihm entgegenstreckte. "Traumbewahrerin, es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen."
Die Frau war apart und strahlte eine innere Ruhe und Sanftheit aus, die Shawnasseh augenblicklich zuversichtlicher werden ließ. "Nennt mich Ilka, bitte. Den Schatten der Taubenschwingen und die Brise ihres Schlagens über Euch, Shawnasseh. Ich hoffe, Ihr hattet eine ruhige Reise."
"Sie war vor allem davon belastet, daß ich mir ihrer Erfolgsaussichten noch nicht sicher bin," antwortete er ehrlich, "womit ich allerdings nicht Eure Kunst in Zweifel ziehe, sondern lediglich die Wahrheit der Legende, der ich mich verschrieben habe."
Ilka-Lynjala sah ihn nachdenklich an. "Es heißt, wer nur das Ziel im Auge hat, verliert den Weg; doch nur, wer das Ziel im Auge hat, kann einen Weg zum Ende gehen. Doch laßt uns sehen, ob Eure Träume vielleicht schon Dinge wissen, die Eurem wachen Geist noch verborgen." Sie wandte sich um und ging durch eine Tür in einen Nebenraum. Immer noch leicht zögerlich folgte Shawnasseh ihr.

Die Liege war weich, und in dem kerzenflackernden Halbdunkel fühlte Shawnasseh seine Lider schwer werden, obwohl es erst später Nachmittag war. Ilkas Stimme säuselte ihn tiefer und tiefer in den Schlaf.
"Öffnet Euch der Stimme Eures Unbewußten, Shawnasseh. Wandert ohne Ziel durch das Reich Eurer Träume, aber seid Euch bewußt, daß Ihr Eure Schritte zu lenken vermögt. Die Taube und das Einhorn geleiten Euch, nichts vermag Euch zu schaden. Wandert, Shawnasseh, und merkt Euch Eure Schritte, um sie im Wachen zu wiederholen. Wandert, Shawnasseh, wandert..."
Er stand am Rand eines Waldes, der von allem Leben verlassen schien. Die Bäume schienen eine Mauer zu bilden, knorrige Äste ineinander verkrallt zur Abwehr gegen jeden Eindringling. Kein Sonnenlicht spielte auf den stumpfen Blättern, keine Vögel zwitscherten im Geäst. Dunkelheit umfing ihn, schon nach wenigen Schritten vermochte er nicht mehr hinauszusehen. Das hohe Gras stach ihn in die Beine, schien sich um seine Füße schlingen zu wollen. Jeder Schritt war eine Mühsal, jedes Heben der Beine wie das Erklimmen eines Hügels.
Aus dem Unterholz starrten ihm verzerrte Fratzen der Feindseligkeit entgegen, verhöhnten seine Bemühungen, sich einen Weg zu bahnen. Seine Hände krallten sich um einen Leinensack, aus dem etwas herausragte, grünes, pulsierendes Leben, das den Neid des toten Waldes zu erregen schien.
Endlos schien der Wald, undurchdringlich das Dunkel; stolpernd schleppte er sich vorwärts. Durch die Kronen der alten Bäume pfiff beißend ein Eiswind, das Raunen der Blätter war höhnisches Lachen in seinen Ohren.
Ein Ast peitschte auf sein Gesicht zu, und sein Ausweichen schien entsetzlich langsam zu sein. Das harte Holz streifte ihn und ritzte ihm das Ohr auf. Wo sein Blut auf den Boden tropfte, schoß violetter Fingerhut aus der Erde.
Seid Euch bewußt, daß Ihr Eure Schritte zu lenken vermögt. - Nur ein Mensch des Waldes vermag die Plagen zu ertragen - Wer mich errungen, dem ist Großes gelungen ~ Denn ich beschütze seinen Wald - Die Taube und das Einhorn werden Euch geleiten - Die Sätze schossen auf ihn zu, silbern glänzende, zerbrechliche Leinen, die seinen Geist vor dem Wahnsinn zu schützen versuchten. Dankbar griff er danach, klammerte sich an die Worte der Legende und Ilkas flüchtige Gegenwart. - Wie düster und krank der Wald auch immer ist, es ist ein Wald - Er wiederholte die Worte, erst stumm, dann laut, immer wieder, bis die Zuversicht in ihnen an die knorrige Rinde der Bäume prallte, und von dort zu ihm zurückkehrte. Er trat an einen Stamm heran, stellte vorsichtig die Last ab, die er auf den Armen trug, und umarmte den Baum. - Ich grüße dich, Bruder Baum. Sag mir, wer hat dir Leid getan - Abwehr schlug ihm entgegen, Mißtrauen, Haß. Er meinte eine Ranke zu spüren, die sich um seinen Hals zu schlingen begann, doch er achtete nicht darauf. - Ich bin dein Feind nicht, Bruder Baum - seine Hände streichelten die verhärtete Borke - ich bin dein Freund, und bin ein Bittsteller in deinem und deiner Brüder Reich - er lehnte die Stirn an den Stamm, versuchte seine Gedanken in warmen Wellen immer wieder an die felsenharte Haut spülen zu lassen - Ich bin dein Feind nicht, bin - WAS BITTEST DU... FREUND - Er schrak zurück, blickte nach oben, zur Krone des Alten, wo sich ein einzelner Sonnenstrahl auf ein Blatt gelegt hatte, das ihn wie ein goldenes Auge ansah.
Ich suche Canaadad. - UND WAS MACHT DICH GLAUBEN; DU KÖNNEST ES HIER FINDEN - Ich folge einer Legende - UND WAS MACHT DICH GLAUBEN, DU KÖNNEST ES ERRINGEN - Ich folge meinem Herzen - UND WAS SPRICHT DEIN HERZ BEI MEINEM UND MEINER BRÜDER ANBLICK - Es leidet, denn Euch ist Unrecht geschehen; etwas hat Euch krank gemacht.
Die Stimme in seinem Kopf schien zu zögern. UND... WAS WÜRDEST DU TUN, UM UNS ZU HELFEN? Ich habe die Saat neuer Jugend mitgebracht, einen Sohn für Dich und Deine Brüder, Freund Baum, der Euch von neuem lehren wird, das Leben zu lieben. ZEIGE MIR DIESEN SOHN, DER UNS RETTEN SOLL.
Er trat einen Schritt zurück und nahm den Sack auf, löste die Schnur, die ihn zusammenhielt. Der Setzling wirkte schwach und zerbrechlich , aber die schlanken Zweige trieben Blätter; unter der dünnen, noch von Wind und Regen unberührten Rinde rannen die Säfte des Lebens in seine jugendliche Krone.
Eine Ranke schoß peitschend auf den Sack zu, schlang sich um den Setzling und riß ihn in die Höhe. Shawnasseh fühlte Verzweiflung in sich aufsteigen: Er hatte sich täuschen lassen. Seine Gabe war verloren, nun hatte er dem Wald keine Besänftigung mehr anzubieten und würde seinen Zorn unvermittelt zu spüren bekommen. Er schloß die Augen und gab sich in Yawannyes Hände.
SO JUNG, SO LEBENDIG. SO LANGE HER... Er hörte ein dumpfes Geräusch, öffnete zögernd die Augen. Der Setzling lag vor ihm auf dem Boden - Stücke graubrauner Borke überzogen seine Blätter, doch er war unversehrt. ICH WEIß NICHT, OB SEIN LEBEN WIRKLICH UNS ALLE WIEDER NEU ERFÜLLEN KANN, ABER ES IST DAS WAGNIS WERT. FOLGE DEN WEIDEN, SIE WERDEN DICH ZUM KREIS FÜHREN. CANAADAD WIRD SICH DIR ZU ERKENNEN GEBEN, WENN DU DORT BIST. GEHE IN FRIEDEN - FREUND.
Er verbeugte sich vor dem Baum und nahm den Setzling wieder auf. Die Erde, die sich in dem Sack befand, schüttete er um den mächtigen Stamm herum. - Er wird dies nicht mehr brauchen; nimm es als Zeichen meines Dankes für Deine Geduld - ICH DANKE DIR - Er setzte seinen Weg fort, den Setzling nun unverhüllt vor sich hertragend. Es schien, als sei der Wald lichter geworden, er kam nun wesentlich leichter voran. In unregelmäßigen Abständen entdeckte er Weiden zwischen den anderen Bäumen, das Rascheln ihrer Blätter war ein Lockruf, dem er sich nicht zu entziehen vermochte.
Immer wieder nahm er die sonnengoldenen Blicke wahr, die der Wald auf ihn und den Setzling warf: Dutzende einzelner, leuchtender Blätter, die seinen Schritten folgten und vorauseilten. Neugier schien aus ihnen zu sprechen - Neugier und Hoffnung. Nach einer Zeitspanne, die Minuten oder Mondläufe gemessen haben mochte, erreichte er den Kreis im Zentrum des Waldes. Sechzehn knorrige Stämme, kahl und grau, umstanden einen einzelnen blattlosen Riesen. Ihre Äste waren ineinander verschlungen, bildeten eine unüberwindlich erscheinende Mauer.

Als er an den Kreis herantrat, den Setzling am ausgestreckten Arm vor sich haltend wie ein der Dorfgemeinschaft präsentiertes Neugeborenes, wurde der Stamm des Riesen durchscheinend, und er konnte das triebgrün schimmernde Schwert im Inneren erkennen.
Willkommen, Waldfreund. Ich bin CANAADAD. Du hast den Weg gemeistert. Nun erringe mich und lasse den Sohn an meiner Statt zurück.
Er zog die Intoglurt-Klinge aus dem Gürtel - und erwachte.

„Nun denn, es freut mich, daß der Traum Euch weitergeholfen hat, Shawnasseh.“ Ilka drückte die Hand des Waldherren, der sich anschickte, die SALGLYA zu betreten. „Ich hoffe, Ihr erringt Canaadad, denn Euch traue ich zu, es nicht zu mißbrauchen.“
Nachdenklich warf Shawnasseh einen letzten Blick auf das von der Abendsonne beschienene Dwin-Danis und auf die Traumbewahrerin, die die gleiche gelassene Ruhe ausstrahlte wie ihre Heimatstadt. Es war ein ermutigender Aufenthalt gewesen, nicht nur wegen der Aufschlüsse, die der Traum ihm geliefert hatte. Er wußte nun, wo sich der Wald befand — Ilkas hatte ihm die tiefere Symbolik erschlossen, die sich in den Bildern verborgen hatte. Sechzehn Bäume - elf und fünf, Artans und Yawannyes Zahlen: „Am fünften Tag des elften Monats wende den Kurs gen Machairas, in Richtung des Schwertes.“ Zu dieser Zeit würden sie die Küste Streelias passieren, hatte der Kapitän errechnet. Das entsprach der Vermutung, die Ralen geäußert hatte: daß der von allen gemiedene Wald der ‘Wald der toten Holzfäller’ sei, aus dem niemand zurückkehre. Er hatte versucht, von Dwin-Danis aus Näheres über diesen Wald zu erfahren, aber die innenpolitischen Veränderungen in den ehemaligen Provinzen Avaraidons hatten eine Kontaktaufhahme vereitelt. Er würde es auf einen Versuch ankommen lassen müssen.
„Ich danke Euch für Eure Hilfe, Ilka. Bei meiner Rückkehr werde ich veranlassen, daß in Taphan der Taube ein Dankestempel gebaut wird - unabhängig davon, wie das Unternehmen ausgeht. Ailym pi umal für Sinhala-Llyrdonis.“
Liebe und Licht auch für Euch und Taphanac. Segelt mit dem sanften Flügelschlag der Taube in Eurem Rücken.“ Ilka trat einen Schritt zurück, und Shawnasseh betrat das Schiff.


Der Wald der toten Holzfäller (Adar 414 n.P.) Bearbeiten

„Von hier aus muß ich alleine weitergehen.“ Shawnasseh bedeutete seinen Begleitern zu halten. Die zehn Taphanacleiri saßen von ihren Tieren ab und begannen, ein Lager aufzuschlagen. Belasin, der Ranghöchste, trat auf den Waldherren zu, der den Leinensack mit dem Setzling und die Intoglurt abgeladen hatte und den düsteren Wald betrachtete, der vor ihnen aufragte.
„Maltyr, seid Ihr sicher, daß Ihr alleine gehen wollt? Ich meine, wenn der Wald wirklich so gefährlich ist...“
„Dann ist es unnötig und unverantwortlich, mehr Leben in Gefahr zu bringen als nötig.“
Shawnasseh legte Belasin eine Hand auf die Schulter. „Ich danke dir für deine Sorge, aber zahlenmäßige Stärke würde nichts bewirken. Der Herrscher Avaraidons sandte 1000 Holzfäller in diesen Wald, und sie kehrten nicht wieder. Ihr wißt, was ihr zu tun habt. Wenn ich am ersten Nisan des neuen Jahres nicht zurück bin, kehrt ihr um, erklärt mich für tot und Yaltana wird meine Nachfolgerin. Aber wenn Yawannye gütig ist, wird es soweit nicht kommen.“
„Dafür bitte ich, Maltyr.“ Belasin wandte sich ab.

Als die letzten Strahlen der Sonne von den Bäumen verschluckt wurden, begann Shawnasseh unvermittelt zu frieren. Wie konnte es in einem so weit im Ophis liegenden Gebiet nur so kalt sein? Er schlang den Umhang fester um sich und marschierte schneller, um die an ihm hinaufkriechende Kälte zu vertreiben.
So lange der Tag gewährt hatte, war ihm der Wald weniger schlimm erschienen, als der Traum ihn gezeichnet hatte. Sicher, die Bäume waren kahl, das Unterholz wucherte unkontrolliert, und es gab keine ausgetretenen Pfade, aber das waren beileibe keine unüberwindlichen Hindernisse, geschweige denn Gefahren.
Nun aber, da das Grau der Dämmerung minutenschnell fast völliger Dunkelheit gewichen war, schienen die Schatten plötzlich von feindseligem Leben erfüllt. Das Rascheln der nackten Zweige flüsterte von den Toten, die der Wald gefordert hatte, und zu denen er sich bald gesellen sollte.
Er kam nur sehr mühsam voran, da er kaum weiter sehen konnte, als seine Hand reichte; dennoch wollte er nach Möglichkeit keine Fackel entzünden. Der Wald mochte das Feuer als Bedrohung auffassen.
Shawnasseh fühlte, wie die ihn umgebende Verzweiflung und Düsternis an seinem Willen zu nagen begann. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als sich niederzulegen, zu schlafen... Wie lange marschierte er schon? Die Beine wurden ihm schwer, schrien nach einer Ruhepause; nur einen Moment, nur sitzen, er würde... “UM AL YAWANNYEOS RANRON UZY“ - Licht Yawannyes, bewahre mich - er brachte die stolpernden Füße in letzter Sekunde unter Kontrolle. Knapp einen Schritt vor ihm gähnte ihm eine Fallgrube entgegen, auf deren Boden sich irgendetwas lauernd bewegte. Er umrundete die Grube vorsichtig und in einigem Abstand, Yawannye stumm für ihren Beistand dankend. Er durfte sich nicht so gehenlassen, ein zweites Mal mochte er nicht so glimpflich davonkommen.
Der Schrecken hatte seine ermatteten Sinne wieder geweckt; angespannt wanderte er weiter, bis er bei Tagesanbruch schließlich erschöpft unter einem alten, kahlen Baum zusammensank.

WAS TUST DU HIER? Die Stimme des Baumes dröhnte in seinem Bewußtsein, ungleich mächtiger und durchdringender als in dem Traum, dennoch glich sie ihr. Shawnasseh schrak aus dem unruhigen Schlaf hoch und bemerkte, daß die Dämmerung schon fast der Nacht gewichen war. Er wollte sich aufrichten, aber etwas preßte ihn an den Boden. Im Halbdunkel erkannte er eine dicke, knorrige Wurzel, die sich um seinen Leib schlang. WAS TUST DU HIER? Er blickte am Stamm des Baumes hinauf, doch kein Lichtauge lag auf einem Blatt. Aber der Baum nahm ihn wahr, dessen war er sich sicher.
„Ich bin dein Feind nicht, Bruder Baum, ich bin dein Freund, und ein Bittsteller...“ ICH KENNE DIESE WORTE, KENNE DICH. DU BIST GEKOMMEN, UM CANAADAD ZU NEHMEN. Sollte es möglich sein, daß der Wald seinen Traum geteilt hatte?
„Das ist richtig, Bruder Baum. Ich bin gekommen, um Canaadad in die Heimat meines Volkes zu holen, da der Wald dort und anderswo auf Corigani seines Schutzes bedarf — und um statt des Baumes, in dem das Schwert des Waldes ruht, einen jungen Bruder zu hinterlassen.“
ICH SEHE IHN. SO JUNG... ALSO WAR DER TRAUM MEHR ALS EIN GESPINST DES WINDES IN MEINEN ZWEIGEN. Shawnasseh fühlte, wie sich der Griff der Wurzel lockerte; langsam stand er auf „Ich danke dir für dein Vertrauen, Bruder Baum.“
ICH HABE GUTES VON DIR GETRÄUMT, WALDMENSCH. GEHE IN FRIEDEN, MEINE BRÜDER UND ICH WERDEN DEINEN WEG NICHT WEITER BEHINDERN. ABER SEI GEWARNT: DER INNERE KREIS WIRD DICH NICHT OHNE WEITERES ZU CANAADAD VORLASSEN, SIE BEWACHEN ES ZU LANGE. UND NOCH JEMANDEN MAG ES GEBEN, DER DICH HINDERN WIRD.
„Wer sollte das sein?“ Doch die Stimme des Baumes war bereits verklungen. Er wanderte weiter.
Shawnasseh hatte das Gefühl für die Zeit verloren; als er den Kreis der sechzehn Bäume erreichte, die den innersten umschlossen, mochten zwei oder zwanzig Sonnenläufe vergangen sein. Welche Ironie wäre es, schoß es ihm durch den Kopf, wenn ich erfolgreich wäre, aber zu spät zurückkehrte, so daß die anderen bereits abgereist wären.
Er verdrängte den Gedanken und sammelte sich innerlich, während er näher an den Kreis herantrat. „Ich bin euer Feind nicht, Brüder.“ Er hielt den Setzling hoch, wie er es in dem Traum getan hatte.
Etwas schoß heran und traf ihn an der Wange. Shawnasseh ließ den Setzling fallen und tastete nach der Wunde, die einen stechenden Schmerz in sein Hirn sandte. Etwas steckte in der Haut.
Er riß es heraus und blickte es an. Es sah fast aus wie die Knospe einer Weide, doch war es hart und stachelig, und von einem fahlen Grün. Shawnasseh versuchte, sich trotz der Schmerzen auf einen Zauber zu konzentrieren, der die Ausbreitung des Giftes verlangsamen würde. Er schloß die Augen und murmelte die Worte, rief das Bild des Einhorns herbei, das ihm half, sich auf Yawannye einzustimmen. „Hilf mir, Frühlingsgöttin“, schloß er.
Der Schmerz wurde schwächer, und er wußte, daß er Zeit gewonnen hatte — mehr allerdings nicht. Entschlossen zog er die Intoglurt-Klinge und führte einen Schlag gegen die verschlungenen Zweige. „Ihr zwingt mir einen Kampf auf, den ich nicht ersehne!“
Obwohl das Eisen, speziell für den Umgang mit Holz geschmiedet und nur dort wirkungsvoll, normalerweise selbst ein Kind die stärksten Stämme durchschlagen ließ, widerstanden die Äste seinen Schlägen eine ganze Zeit lang. Immer wieder mußte er peitschenden Zweigen ausweichen, und mehr als einmal entging er nur knapp einem weiteren Treffer der Giftknospen.
Als er schließlich eine Lücke geschlagen hatte, durch die er sich zu zwängen vermochte, waren Gesicht und Arme zerkratzt, und in seinem Körper pochte erneut der Schmerz des Giftes. Er schleppte sich über die freie Fläche, in deren Mitte der einzelne Baum stand, an dessen Zweigen, wie er jetzt sehen konnte, die Knospen wucherten.
Shawnasseh fühlte seine Kräfte erlahmen, und er schwang die schartig gewordene Klinge zu einem letzten Schlag. „Gib Canaadad frei, Bruder.“
Das Intoglurt zerbarst in seiner Hand, und eine unsichtbare Faust schleuderte ihn rückwärts. Benommen sank er zu Boden und sah aus den Augenwinkeln den Baum auf sich herabfallen. Er versuchte, sich zur Seite zu rollen, aber sein geschwächter Körper war zu langsam. Das graue Holz des Riesen füllte sein Blickfeld, ehe ihn Dunkelheit umhüllte.

Er erwachte aus der Bewußtlosigkeit; erstaunt, daß er noch am Leben war. Sich umblickend bemerkte er, daß sich rechts und links von ihm zwei Äste in den Boden gebohrt hatten, nicht weiter als zwei Hand weit von seinem Körper entfernt. Dicht über seinem Kopf schwebte der Stamm zitternd in der Luft.
Mühsam wand er sich unter dem umgestürzten Baum heraus und starrte auf die Stelle, an der er gestanden hatte. Der Riese war völlig entwurzelt worden; im Boden kloff ein etwa rumpftiefes Loch, aus dem ein grünes Leuchten drang. Langsam ging Shawnasseh auf die Grube zu, bis er hineinsehen konnte.
Das Schwert stak mit der Klinge nach oben in der Erde. Das warme Leuchten, das von dem seltsamen, grünen Stahl ausging, umhüllte ihn, vertrieb die Schmerzen aus seinem Körper und die Angst aus seinem Geist.
Er kniete am Rand des Loches nieder und griff nach dem Schwert. Ein flüchtiger Schmerz durchzuckte seine Hand, und ein dünner Blutfaden rann an der geraden, schmucklosen Klinge hinab. Er zog die Hand zurück und sah, daß die Wunde sich bereits wieder geschlossen hatte. Doch dort, wo der Stahl in seine Haut gedrungen war, zeichnete sich eine feine Narbe ab, die die Form des Schwertes besaß.
Ich bin dein, solange du des Waldes bist, und du bist mein, solange ich dein bin. Das Band ist geknüpft, die Zeit wird zeigen, ob es erstarkt, oder zerreißt. Die Stimme war ein flüchtiger Windhauch, und sie sollte nur dieses eine Mal erklingen.
Shawnasseh zog Canaadad aus dem Loch, steckte es in seinen Gürtel, und wandte sich um, um den Setzling zu holen und einzupflanzen. Er verwandte den Rest seiner magischen Kraft, um dem jungen Baum zu helfen Wurzeln zu schlagen, das Leben für diese wichtigen ersten Augenblicke etwas schneller und stärker unter seiner dünnen Rinde pulsieren zu lassen. Als er schließlich den Rückweg antrat und sich nach einigen Dutzend Schritten noch einmal umwandte, sah er die Strahlen der untergehenden Sonne, die den Kreis und seinen neuen Schützling in ein goldenes Licht tauchten.

„Er kommt. Seht nur, er kommt!“ Shawnasseh trat aus dem Wald, blinzelnd angesichts des plötzlich wieder ungebrochenen Sonnenlichtes, und sah verschwommen eine Gruppe von Menschen, die auf ihn zurannte, ßelasin war der schnellste, er erreichte den Waldherren mit gehörigem Vorsprung und fiel ihm völlig unstandesgemäß um den Hals. „Yawannye und allen Göttern sei Dank, Maltyr. Wir dachten schon...“
Shawnasseh blickte an dem Mann vorbei auf die Lagerstelle. Fast alles war zusammengepackt und verstaut, die aufgezäumten Pferde scharrten unruhig mit den Hufen. „Welcher Tag ist heute, Belasin?“ fragte er.
Der Offizier trat einen Schritt zurück und blickte seinen Herrscher an. „Der dritte Nisan, Maltyr.“ Erst jetzt bemerkte Shawnasseh die Ringe unter den Augen des Mannes, die Schlaflosigkeit und Sorge gezogen hatten.

„So, der dritte Nisan. Bist du dir bewußt, daß dies eigentlich eine Befehlsverweigerung darstellt?“ Er bemühte sich, streng zu blicken, aber die Strapazen des eiligen Rückmarsches ließen es eher gequält aussehen. „Sei froh, daß ich nicht mehr die Kraft habe, dich ordentlich zurechtzu weisen.“ Er lächelte müde. „Ich danke dir für dein Vertrauen in mich und die Güte der Göttin, Belasin. Bitte weckt mich zu Sonnenuntergang.“ An der jubelnden Gruppe der anderen Soldaten vorbei ging er zu den Überresten des Lagers und ließ sich auf einen einzeln stehenden Ballen Zelthaut sinken. Innerhalb weniger Augenblicke war er eingeschlafen.
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