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Der Karsk

„Kannst Du den Ruf des Karsk hören?“

Jeder an der Küste spürt ihn kommen, es ist das Wetter, das ihn an späten Nachmittagen des Hochsommers ruft, wenn über dem Fulmarmeer von Lychnos her die Gewitterstürme heranziehen und die schwüle Hitze des Tages plötzlich von einer kühlen Böe beiseite geblasen wird, wenn die Luft voller Energie ist und angefüllt mit dem erregenden Duft der Funken, wie sie entstehen wenn Wolltuch über Frauenhaar reibt.

Keiner spricht, jeder lässt das Tagwerk sein und eilt hinauf zu den Klippen. Über dem Meere fern braut sich das Wetter zusammen, gewaltige Wolkentürme unter denen Fahnen des Regens hängen während die zerklüfteten Oberseiten von der Sonne mit orangen, violetten und goldenen Säumen geschmückt werden. Der frische Wind trocknet den Schweiß des steilen Aufstiegs. Wenige sitzen, fast alle stehen, gegen den Wind geneigt und warten. Wird er nahe kommen? Schon spürt seine ferne Gegenwart.

Die Wolkenberge rasen heran, Blitze zucken zwischen ihnen, ferner Donner, Böen, Fischer und Werftarbeiter, die Priesterin und die Lehrerin blicken einander an und erkennen sich selber.

Der Wind frischt auf, bläst salzige Gischt und Staub landwärts, die ersten großen Tropfen des Gewitterregens sind warm. Dunkel wird es über dem Meer, einzelne Lichter wirft die Sonne noch zwischen den Wolkenkanten aufs Wasser.

Und dann sehen sie ihn, erkennen ihn. Mit dem Wind kommend, ein nichts erst, kaum sichtbar zwischen Wellen und Wolken, so fern noch und doch, sie wissen es, größer als jedes Schiff. So rast er knapp über dem Wasser.

Rotviolett erkennen sie jetzt seinen Rücken, als die letzten Sonnenreflexe ihn treffen, blauschwarz der Bauch, endlos lang der Leib, dabei flach, so anders als der einer Schlange. Er wendet sich den Menschen zu, mit weiß blitzenden Zähnen im geöffneten Maul, links und rechts davon weit abgespreizt Flossen, gleich Schwingen, so gleitet er vor dem Sturm über das Meer.

Sie hören ihn, spüren ihn, ein ganz tiefes Brummen, dass ihre Körper zum Schwingen bringt, das unter den Sohlen kribbelt. Sie riechen ihn, intensiv, der Duft der Ferne, der Weite, des Ozeans. Sie hören ihn in der Seele rufen: Komm in die Fremde, lass Deine Insel, das Meer ist deine Bestimmung.

Eine leicht Wendung, ein Winken des Schwanzes, so glücklich nahe kam er dem Land und den Menschen ehe er, elegant und gewaltig und unnahbar sich wendet, die Küste nicht berührend, von den Winden getragen, dem Meere zu.

Der Sturm hat die Wolken auseinander getrieben, die Sonne wirft gleißende Lichtreflexe auf das vom kurzem Regen nasse Land, Fischer und Werftarbeiter nicken sich zu, Lehrerin und Priesterin nehmen sich an die Hand. Viele werden bleiben, einige werden dem Ruf folgen, die Küste verlassen, so wie sie es immer getan haben.

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