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Magister Eisendraht erwacht inspiriert. Das ist ihm seit Jahren nicht passiert, gewöhnlich erwacht er mit Rheumaschmerzen. Heute indes hat er das Gefühl, er könne die Welt verändern, sein Buch zuende schreiben oder wenigstens mit seinen Studenten leidlich klar kommen.

Seine gute Laune ist kein Zufall. Nach langem insichgehen hatte er sich entschieden, Rat bei Harden Blaustein einzuholen. Magister Eisendraht kann den Schamanen nicht leiden. Der Schamane verachtet Bücher, trägt keine ordentlichen Roben, isst seltsame Dinge und riecht fies. Magister Eisendraht weiß, dass die Abneigung auf Gegenseitigkeit beruht. Ganz zweifelsohne sieht der Schamane in ihm die halbgebildete und vertrocknete Mumie einer Küchenschabe, die versucht Gold aus Mäusedreck zu erschaffen und sich nicht schämt verzogenen Bürgerkindern gegen Geld Zaubertricks beizubringen. Genau dies hatte ihm Blaustein bei ihrer letzten Begegnung gesagt und wütend erinnert sich Eisendraht daran, dass ihm eine entsprechende Erwiderung erst nach Minuten eingefallen war, als ihn der Schamane längst wie einen dummen Eleven stehen gelassen hatte.

Aber leider brauchte er den Schamanen. In den letzten Jahren war sein Rheuma schlimmer und schlimmer geworden, ein Rheuma, dass allen mundanen und magischen Kuren widerstand, das sich nicht mit Wärme und nicht mit Kälte, nicht mit Magie und Alchemie lindern ließ.

Der gestrige Abend war so unerfreulich gewesen, wie man sich eine Begegnung zweier griesgrämiger Greise vorstellen kann. Die zwei Männer hatten sich angegiftet und einander ausgesuchte Bosheiten an den Kopf geworfen. Sie hätten sich gegenseitig aufs übelste verhext, wenn Blaustein als Schamane in der Lage gewesen wäre einen wirkungsvollen Zauber ohne lange Vorbereitung zu wirken oder Eisendrahts Zaubermacht zu mehr als einem Eiterpickel auf der Nase seines Gegenübers ausgereicht hätte. Tatsächlich hatte er es mit dem Eiterpickel probiert, aber alles, was er bewirken konnte war eine vorübergehende Rötung die auch in dem hitzigen Temperament des Schamanen geschuldet sein konnte. Vor Jahren hätte der Schamane etwas erleben können, aber Eisendraht ist nicht mehr der jüngste und seine Magie nicht mehr das was sie mal war.

Schließlich hatten sie sich doch vertragen – oder wenigstens aufgehört wie die Kesselflicker zu zanken. Denn Eisendraht hatte von einem Händler aus Refor für viel Gold einen winzigen Krug Fledermausmilch erstanden. Die echte Fledermausmilch aus den Dschungeln des Ophis, gesammelt von den Burundi aus Pottuvil, nicht das wirkungslose, heimische Zeug, mit dem die Scholaren üben müssen. Für nur einen Tropfen Fledermausmilch, so hatte Eisendraht gehört, hätte sich Blaustein herabgelassen den Markt zu betreten, mit Händlern zu verhandeln und sogar Geld in die Hand zu nehmen.

Und tatsächlich ist Blaustein bereit für diesen Krug viel zu geben. Beginnend mit seinen weltlichen Besitz, der im wesentlichen aus seinen dreckigen Kleidern bestand und den Eisendraht bestimmt genommen hätte, wenn es Blaustein nur ein bisschen in Verlegenheit gebracht hätte nackt durch die Akademie zu marschieren. Aber Blaustein ist Schamane. Ihm ist nichts peinlich, schon gar nicht die öffentliche Zurschaustellung seines Greisenkörpers. Eisendraht weiß, dass der Schamane bei seinen Ritualen nackt zu tanzen pflegt, wenn erforderlich auch in der Öffentlichkeit... brrrr. Und Blaustein ist auch bereit Stunden seiner Zeit und seine schamanische Magie für den verabscheuten Magister Eisendraht einzusetzen.

Also bot der Magister dem Schamanen diesen kostbaren Krug an und Blaustein konnte ihm nicht wiederstehen. Er nahm den Krug und leerte ihn in einem Zug, trank die teure Flüssigkeit mit der gleichen Achtlosigkeit, mit der man Wasser trinkt. Eisendraht konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Schon immer ist ihm die schamanische Magie ein unerquickliches Rätsel gewesen und diese Achtlosigkeit im Umgang mit kostbarsten Reagenzien ist einfach abstoßend. Blaustein indes ignorierte seine wütenden Fragen und machte sich ans Werk.

Als erstes warf er den Magister aus seiner Wohnung und verbot ihm vor Mitternacht wieder hineinzukommen. Natürlich lauschte der an der Tür, aber viel war nicht in Erfahrung zu bringen. Erst geschah nichts, dann ein Rumpeln, als ob seine Möbel verrückt würden, dann hörte er eine Weile einen heiseren Singsang, dazu zog ein übler Geruch unter der Tür durch, zweifelsohne wurde irgendein Räucherwerk verbrannt. Zuletzt hörte er Blaustein hinter der Türe kichern und mit einem Hammer hantieren, dass die Wände wackelten. Schließlich verließ Blaustein Eisendrahts Wohnung, ihn mit einer spöttischen Verbeugung grüßend. Eisendraht fand sein Bett war um zwei Handbreit verrückt und in drei Ecken seines Zimmers waren mit Holznägeln Lederbeutel fixiert. Der Versicherung Blausteins zufolge sollte diese Installation sein Rheuma lindern. Schnaubend stieg Eisendraht ins Bett. Er hatte den bösen Verdacht übers Ohr gehauen worden zu sein.

Doch die Kur des Schamanen hat gewirkt. Wie auch immer. Eisendraht nimmt sich vor auch nicht die winzigste Winzigkeit des Arrangements, dass Blaustein hinterlassen hatte zu verändern. Nur eine weitere Nacht mit Rheuma in den Gliedern würde er nicht überstehen.

So springt er (wortwörtlich!) am folgenden Morgen aus dem Bett und erschrickt nicht wenig. Mit ihm springt eine Kreatur aus dem Bett, die aus Eisendraht besteht, grob menschlich geformt. Gewappnet mit Nachthemd und Schlafmütze, bewaffnet mit seinem Nachttopf nutzt er die neu gewonnene Beweglichkeit seiner Glieder um schleunigst Zuflucht im Wandschrank zu suchen.

Zitternd lugt er durch den Spalt zwischen den Türen. Abgesehen von ihrem erschreckenden Aussehen (Eisendraht natürlich – welch ein Witz) scheint das Ding harmlos zu sein. Es bewegt sich so mühsam wie er selber gestern noch unter den schlimmsten Rheumaattacken und so wie er selber am gestrigen Morgen scheint es da zu stehen und zu überlegen welches Gelenk am schlimmsten schmerzt.

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