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Der Taure seufzte, was dezent an die Basshörner von Teiza Fubuki erinnerte. Die Frau drehte sich sofort um. „Was ist los, Hohepriester?“, fragte sie. „Nichts“, sagte der Taure. „Ich denke nach.“

Wenn der Frau diese Aussage nicht genügte, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie senkte den Kopf wieder auf die aus Eis geschliffenen Methumpen, die sonst zu Ehren Dondras in der großen Halle standen. Die Humpen kamen nur für zeremonielle Zwecke zum Einsatz. Irgendein Novize hatte das missverstanden und statt Met Räucherharz hinein gefüllt. Idiotisch genug, dachte Randal, aber bei den Humpen aus Eis ein echtes Unglück. Wie sollte man daraus jemals wieder trinken? Wie sollte man den Geschmack herausbekommen, ohne das Eis kaputt zu machen? Außerdem hatte ein Novize daran gar nichts zu suchen, weder an den Humpen noch am Met.

Eigentlich hatte auch die Frau nichts daran zu suchen. Ihre Aufgabe war es ja nicht Dinge sauber zu machen. Ihre selbst gewählte Aufgabe war, ihn zu unterstützen und das tat sie gut. Für Sauberkeit waren Gurs zuständig, jedenfalls draußen. Hier im Tempel passte eigentlich keine Rasse so richtig dafür, es gab da eine Ger und einen Gir und vor allem Novizen. Außer für die wichtigen Dinge. Da waren es die Priester und die fanden es zum Teil unter ihrer Würde und… am Ende taten es eben die, die gar nicht zuständig waren.

Nicht, dass es Randal in diesem Fall störte. Wahrscheinlich konnte es niemand besser machen. Die Frau war eine Kundige, wie er jetzt auch. Sie konnte andere Kräfte für die Reinigung einsetzen, so dass nur ihre Fingerspitzen die Innenseite der Humpen berührten und sie hatte vermutlich die zartesten Finger im Tempel.

Und außerdem hatte sie dieses verdammte dunkle Haar.

Es gelang Randal knapp, den nächsten Seufzer zu unterdrücken. Er war Hohepriester und hatte genügend andere Dinge zum Grübeln. Aber er war eben auch ein Mann. Und er stand auf dunkle Haare. Die meisten Tauren hatten mehr oder weniger graues Fell und Randal hatte bei den Taurinnen immer die am schönsten gefunden, deren Haare so richtig dunkelgrau waren. Aber das Haar dieser Frau war so dunkel, dass es fast schwarz war.

Natürlich hatte sie kein Fell, sondern nur Haare auf dem Kopf, wie ein Gor. Und diese Haare waren immer länger geworden, seitdem sie gekommen war. Sie hatte sie nie geschnitten. Er hatte sie einmal gefragt, warum nicht. Sie hatte nur gelacht und geantwortet: „Weißt Du eigentlich, wie kalt es hier ist?“

Randal fand es nicht kalt, aber er wusste dass die Gars und Gors froren, wenn sie sich nicht dick anzogen. Er zweifelte daran, dass diese Haare dagegen schützten, denn sie waren ja kein Pelz, aber wenn sie sich schnell drehte, sahen sie fast wie einer aus. Und sie waren dunkel.

Seit seiner Weihe hatte Randal ganz helles Fell, heller als die Haare der Gors. Es störte ihn nicht. Er war ja keine Frau und vor allem war es eine Auszeichnung Dondras gewesen. Deshalb erfüllte ihn die Farbe mit Stolz. Aber irgendwie war er damit auch kein richtiger Taure mehr. Er sah anders aus und er begann anders zu denken. Er war jetzt eben mehr Hohepriester als Taure. Doch er fühlte sich nicht immer nur als Hohepriester… Diesmal konnte er das Seufzen nicht unterdrücken. Die Frau sah ihn wieder an, mit einem ganz leisen Lächeln. „Randal, Du hast doch etwas auf dem Herzen“, sagte sie. Randal sah sie an. „Äh“, machte er, um dann in einer Eingebung fortzufahren: „Kriegst Du es hin?“

Sie schaute in den Humpen, den sie gerade reinigte und nickte dann. „Ich glaube ja“, sagte sie. „Schau mal!“

My016

Mythor mit Taurenkopf bei Thormain. Bild: Nikolai Lutohin, Titel Mythor 016


Sie hob den Humpen hoch, ohne seine Nase erreichen zu können. Randal bückte sich zu ihr und schnüffelte. Der Humpen roch in der Tat nur noch nach blankem Eis. Aber was er eigentlich roch, war die Frau, ein feiner Duft an der Grenze zwischen süß und säuerlich, ein Ton wie die aus Garunia hergebrachte Erde, wenn sie im Sommer einmal ausnahmsweise richtig trocken war, stieg aus ihrem Haar empor. Randal begriff, was er bereits seit Monaten unterschwellig bemerkt hatte – auch sein Geruchsinn hatte sich verändert. Andere Tauren rochen für ihn mittlerweile meist nach muffigem Fell und er verbrachte morgens viel Zeit damit, sich zu bürsten und zu säubern. Anfangs hatte man ihm das nahegelegt. Wie seine Berater sagten, sollte ein Hohepriester lieber nach Seife riechen als nach Filz. Inzwischen wollte er es nicht mehr anders. Er sog noch einmal tief den Duft der Frau ein.

„Na?“, fragte diese und wandte den Kopf, so dass ihr Schopf sich halb über seinen Arm legte, Der Kontrast zwischen seinem weißen Fell und ihrem dunklen Haar raubte ihm fast den Atem. Unwillkürlich fasste er nach den dichten Strähnen, schaffte es dann aber, die Bewegung bis zum Humpen weiter zu führen. Er nahm ihn in seine Pranke und schnüffelte noch einmal betont. „Sehr gut“, lobte er. „Riecht genauso, wie ich es mag. Wie es sein sollte. Das hast Du toll gemacht!“

„Danke“, sagte die Frau, bleib einen kurzen Moment stehen und verzog dann das Gesicht. „Ich bin aber erst halb durch. Ich mach mal weiter.“ Sie löste sich von ihm und trat wieder zu den übrigen Methumpen. Randal blieb an der Tür stehen und bemühte sich, seine Miene wieder nachdenklich zu machen. Er dachte tatsächlich nach. Wie lange würde er hier noch herumlungern können, ohne dass es auffiel?

Nun, eigentlich ging das keinen was an. Es hatte seine Vorteile, Hohepriester zu sein.

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