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Geister der Erde - Story aus Karcanon

(Im Jahr der Stille, 424 nach Pondaron, in der Ebene der Wagenvölker Aerinns)

Shimuen der Seher begleitete Mardon den Telidayin zu Workath dem Bären, wie sich der Anführer der Kovas zu nennen pflegt. Er war mit seinem Clan hunderte von Meilen über die Grosse Ebene geflohen, um endlich Frieden zu finden. Der alte Shamane Grass'dath war bei einer seiner nächtlichen Beschwörungen an akutem Messer-im-Rücken gestorben, und die mit Workath waren, haben ihn nicht betrauert.

Shimuen selbst hatte um eine Unterredung gebeten, da es Workath offensichtlich verstanden hatte, seine Leute zwar zerzaust, erschöpft und angeschlagen, aber im wesentlichen heil hierher zu bringen, wo die Dämonenseuche nur mehr eine böse Erinnerung ist. Der Seher war begierig zu erfahren, wie Workath und sein Clan es verstanden hatten, sich die Dämonen vom Leibe zu halten, hat doch die leidvolle Erfahrung des Großen Feldzuges gezeigt, dass Dämonen einen sehr gesunden Appetit haben, besonders nachts... Einige der Dämonen schienen eher zögerlicher zu erscheinen, wenn nachts die Feuer um das Heerlager entzündet wurden, doch gab es auch andere, die davon erst recht angezogen zu sein schienen.

So waren also der Borgon-Dun und der Barano - mit einer bescheidenen Eskorte, die hauptsächlich aus Bakani bestand - auf dem Weg durch das größte der Zeltlager der Kovas, in dessen Mitte Workath sie empfangen würde. Mardon war sich nicht sicher, aber zu seiner Überraschung vermeinte er so etwas wie - wenn nicht gerade Hochachtung, so doch zumindest - Anerkennung bei den Kovas zu verspüren, die ihre Gespräche unterbrachen, um ihre Blicke den Besuchern folgen zu lassen. Oder war es eher doch Misstrauen? Aber Mardon war sich zumindest sicher, aus seinen Fehlern bei der ersten Invasion 417 gelernt zu haben...

Workath empfing seine Besucher vor seinem Zelt und hieß sie eintreten. Zwei Frauen saßen im Schatten der rückwärtigen Zeltwand, beide in Umhänge aus Brontofell gehüllt, und die jüngere der beiden hielt einen Säugling in den Armen, offenbar Workaths jüngsten Nachwuchs. Mardon fühlte sich ein wenig beklommen, da er sich mit den Sitten der Wagenvölker im Allgemeinen und der Kovas im Besonderen noch immer zu wenig auskannte. Er beschloß daher, sich in seinem Verhalten nach Shimuen zu richten. Der Eskorte gab er einen Wink, sich vor dem Eingang des Zeltes bereitzuhalten.

Wortlos bot Workath seinen Besuchern ein Trinkhorn an, das Shimuen nach einem tiefen Schluck an Mardon weitergab, der es seinerseits nach einem Schluck dem Gastgeber zurückreichte. Es war ein ziemlich starkes und etwas bitterliches Gebräu, das Mardon nicht identifizieren konnte, und er brauchte seine ganze Willenskraft, um keine Grimasse zu ziehen. Shimuen aber sagte: "Danke, Workath, für das Gastrecht, das Ihr uns gewährt."

Workath nahm das mit einem Schulterzucken zur Kenntnis, und schien nun auf irgendetwas zu warten. Mardon fasste sich schließlich ein Herz und fragte: "Ist dies Euer Sohn, dort in den Armen der jungen Frau?"

Ein kurzes Lachen entfuhr dem Clanführer, und mit einem amüsierten Glitzern in seinen intelligenten Augen antwortete er: "Ihr seid nicht gekommen, um meine Familie zu diskutieren, oder?" Sein Blick wurde härter. "Also, was wollt ihr?"

Shimuen nickte Mardon zu, der daraufhin antwortete: "Da wir auch nicht hier sind, um Komplimente auszutauschen," mit einem Blick, der sagte obwohl Ihr sie verdient hättet, "komme ich gleich zur Sache." Der ungeduldige Blick in Workaths Augen schien ihm zu raten, genau das ohne weitere Umschweife zu tun. "Ihr habt Euren Weg, scheinbar ohne allzu große Verluste, durch ein Gebiet gefunden, das von Dämonen nach wie vor verseucht ist. Was hat Euch dabei geholfen?" Workath brauste auf: "Zweitausend verlorene kräftige Männer, 800 Frauen und Kinder, das nennt ihr ohne Verluste???"

Shimuen lenkte nun ein: "Zweifellos schmerzt der Verlust jedes einzelnen, und der Kinder besonders. Doch mit Verlaub, mindestens Zwölftausend von Euch sind hierher durchgekommen. Und wiewohl ich die Schlagfertigkeit Eurer Männer nicht in Zweifel ziehen möchte, wart Ihr doch nahezu ungeschützt, im Vergleich zu einem Heer von ausgebildeten Kriegern, das Zehntausende zählt, und dennoch fast die Hälfte seiner Stärke verloren hat, seit wir den Conramat überquerten." Ein leichtes Lächeln spielte nun um die Lippen des Clanführers: "Nun, ihr kennt eben dieses Land nicht, sowenig wie ihr es vor Jahren gekannt habt. Ist es nicht bittersüß, vernichtende Siege in einem Land feiern zu dürfen, in dem euch kein einziger Soldat begegnet ist?"

Mardon warf ein: "Genau darum geht es uns. Wir kennen dieses Land nicht. Ihr kennt es. Da Ihr hierher gekommen seid, müssen wir annehmen, dass auch Ihr der Dämonenplage überdrüssig seid. Diese ist unser Feind, nicht Euer Volk. Und sie ist auch Euer Feind. Gegen gemeinsame Feinde sollte man sich gegenseitig helfen, wo man kann!"

"Also ihr sterbt für uns, und wir helfen euch, eure Toten zu begraben, ha ha..." Der plötzliche Wandel in Shimuens Gesichtsausdruck ließ Workath in seinem Gelächter innehalten. "Schon gut, du weißt, das es nicht so gemeint war - obwohl, was wisst ihr schon vom Humor der Kovas?" Ein Schweigen hing für eine Zeit im Raum, bis plötzlich die junge Frau aus dem Schatten rief: "Sag es ihnen, Workath!"

Der Angesprochene drehte sich zu ihr um, und Mardon meinte ein Schmunzeln in seiner Miene zu entdecken. Als Workath sich wieder seinen Besuchern zuwandte, forderte er sie auf: "Nehmt noch etwas von dem Brakkuch" womit er Shimuen wiederum das Trinkhorn entgegenhielt, ,,und nehmt doch bitte auf diesem wunderbaren Bronto Platz" Dann murmelte er noch etwas vor sich hin, was sich anhörte wie "die Weisheit der Frauen..." und befolgte seine eigenen Worte, indem er es sich auf dem Brontofell gemütlich machte, das die Mitte des Bodens bedeckte.

Nachdem auch Shimuen und Mardon sich gesetzt hatten und das Brakkuch-Horn eine weitere Runde gedreht hatte, verriet Workath: "Es waren die Erdgeister". Er musste wohl seinen Besuchern angesehen haben, wie wenig sie mit dieser Aussage anfangen konnten, und brach in schallendes Gelächter aus. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, fragte er: "Ihr versteht es nicht? Nein, ihr versteht es nicht. Nun, ihr kennt eben das Land nicht. Es ist ein Land, in dem unsere Stämme seit Jahrtausenden mit den Brontos durch die Prärie zogen, und die Geister unserer Vorfahren bewachen dieses Land. Wohl muß irgendwer die Geister verärgert haben, sonst hätten sie die Invasion der Spinnen ebenso wenig zugelassen wie die der Dämonen. Wahrscheinlich waren es unsere eigenen Schamanen, die in ihrer Machtgier die Treue zu den Erdgeistern brachen. Man sollte diese Geister nie unterschätzen..."

Nachdem er noch einen langen Schluck Brakkuch zu sich genommen hatte, fuhr Workath fort: "Nachdem Grass'dath von uns gegangen wurde, haben wir die Kraft der Geister wiederentdeckt. Die ältesten unter uns - sie können das Flüstern der Geister hören. Und ihr Flüstern ist sehr laut, wenn Dämonen kommen. So waren wir stets vorgewarnt, und es scheint gar, als hätten die Geister mehr getan als nur geflüstert. Nicht dass sie die Dämonen verjagt oder bekämpft hätten, aber zumindest scheint es, dass sie so etwas wie... Barrieren errichtet haben. Solche Barrieren, die jeder Dämon zwar ohne weiteres überschreiten kann, jedoch eher ungern, wie es scheint. So kam es, dass wir - nach zwei Monden schwerer Verluste - im weiteren fast unbeschadet geblieben sind." Mit einem energischen Nicken unterstrich Workath das Ende seiner Ausführungen. Und wartete, was seine Gäste dazu zu sagen hätten...

Shimuen war der erste, der sich schließlich zu einer Entgegnung durchrang: „Geister, die die Kovas vor den Dämonen schützen, hmm... Mal nennst du sie die Geister eurer Ahnen, mal nennst du sie Erdgeister – “

„Ha – “ unterbrach ihn Workath, „komm mir jetzt nicht damit, dass sie, nur weil ich sie Erdgeister nenne, irgendwas mit Eurem lichtlichen Fruchtbarkeitsgott zu tun haben müssten – “ „Mit Verlaub, mein Gott ist Borgon“ warf Shimuen da ein, und Mardon bekräftigte dies mit einem zustimmenden Nicken.

„Wieso baut ihr dann hier überall Tempel für diesen lichtlichen Nichtsnutz?“ Diesmal war es Mardon, der einwarf: „Weißt du, Workath, zwischen Nichtsnutz und Borgons Vater –“ Shimuen warf Mardon hier einen verwirrten Blick zu – „gibt es den wesentlichen Unterschied, dass Chnums Präsenz sehr wohl die Dämonen ebenfalls zurückzuhalten vermag,“ (im Geiste ergänzte Mardon für sich: zumindest hoffen wir das, aber war das Orakel diesbezüglich nicht eindeutig?) „was er zumindest mit euren Erdgeistern gemeinsam zu haben scheint.“ Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Aber nein, wir wollen damit nicht sagen, dass dieser Lichtling einen direkten Einfluß auf die Geister eurer Ahnen hat“ (Mardon hielt es für besser Chnums Namen nicht nochmals zu erwähnen, nachdem er gesehen hatte, wie bei dessen Nennung sich Workaths Miene qualvoll verzogen hatte...)

Workath war nun etwas nachdenklich geworden, so hakte Shimuen nach: „Mir ist immer noch nicht ganz klar, warum diese Geister einerseits Erdgeister sein sollen, andererseits die Geister Eurer Ahnen –“

Hier nun unterbrach ihn Workath, etwas unwirsch: „Ich sage doch, Du kennst dieses Land nicht. Muß ich mich ständig wiederholen?“ und seine Stimme nahm an Intensität zu „Wir ziehen seit Jahrtausenden durch dieses Land... Wir sind dieses Land. Unsere Ahnen sind eins mit dieser Erde geworden; ist das so schwer zu begreifen?“

Shimuen, sichtlich seine Worte abwägend, bemerkte nun: „Wir hingegen sind hier Fremdlinge, willst Du uns damit sagen. Uns wird diese Erde und seine Geister nicht beschützen, es sei denn, ihr wollt es so?“

Workath schaute ungläubigen Blickes die zwei Frauen im Hintergrund an und rief triumphierend aus: „Er hat’s begriffen! Oh ihr Geister...“

Mardon, dessen Geduld ihrem Ende nahe war, fragte unverblümt: „Und – wollt ihr?“ Workath erhob sich und sagte: „Kommt morgen wieder“. Damit waren seine Gäste entlassen...

Am nächsten Tage trafen Shimuen und Mardon wiederum auf Workath, und drei ältere Frauen, deren Alter überall zwischen vierzig und hundertvierzig hätte liegen können, nicht mit Sicherheit zu sagen. Workath stellte sie als die Clanmütter vor, ohne die Bedeutung dieses Titels weiter zu erklären.

„Du bist der, der zaubern kann,“ wandte Workath sich an Shimuen, „und du bist der mit der Musik“ – an Mardon. Beide nickten ihre Zustimmung. „Eurer beider Talente werden vonnöten sein, wenn die Mütter Euch helfen sollen.“ Damit drehte er sich um und verschwand im Inneren seines Zeltes, die beiden Gäste mit den Clanmüttern allein lassend. Diese nickten den beiden nur zu und führten sie dann auf einen großen freien Platz, nahe des Randes des großen Lagers. Und in dieser Nacht, und den folgenden zehn Nächten, trafen sich der Borgon-Dun, der Barano und die Clanmütter der Kovas auf dem großen Platz des Rituals, die einen, um die Erdgeister hören zu lernen, die anderen, um es ihnen beizubringen.

Und Mardon fragte sich: Ist dies die Prüfung, von der das Orakel sprach?... Am elften Morgen gesellte sich Workath zu ihnen. „Was ihr bisher gelernt habt, sollte fürs erste reichen. Oder könnt ihr mir vielleicht ein verlockendes Angebot machen?“ Shimuen entgegnete: „Ich könnte dich und die deinen STÄRKEN, für einen Mond...“ „Das wird nicht nötig sein“, unterbrach ihn Workath. „Aber ich habe gehört, in euren neuen Burgen werden brauchbare Waffen hergestellt –“

„Du willst Geld?“ warf Mardon unzeremoniell ein. Ein breites Grinsen auf Workaths Gesicht war Antwort genug – so fuhr Mardon ohne Umschweife fort: „fünftausend Talente sofort, wenn eine der Clanmütter uns begleiten kann –“

„Abgemacht! – Korava!“

Die (zumindest dem Anschein nach ) jüngste der Clanmütter blickte auf: „Warum ich?“ entbrüstete sich Korava.

„Weil Du die jüngste bist. Hilf ihnen so gut Du kannst, für zwei Monde und einen Tag. Doch das“ und damit wandte er sich wieder Mardon zu, „kostet dich noch mal fünftausend, die sie dann von euch mitbringen wird. Und: sie wird immer in der Mitte deines Heeres sein, allezeit beschützt. Falls sie sterben muß, dann als letzte! Haben wir uns verstanden?“

„Vollkommen“ bestätigte Mardon, und Shimuen nickte zustimmend, und wohl auch etwas nachdenklich...

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