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Aus einem Reisebericht:

Nun will ich aber von den Ereignissen meiner Fahrt durch das pittoreske und wilde Tal des Ruiji zu berichten beginnen, so wie es geschah. Bei dem bereits erwähnten Städtchen, in dessen Hafen ich an Bord der Flußdrachenbraut ging – der Name des Orts ist mir momentan entfallen, tut aber auch nichts zur Sache, zumal er sich (wie ich vernahm) ohnehin alle Dutzend Jahre mit dem des Bürgermeisters ändert – fließt der Ruiji noch durch ein breites grünes Tal mit sanften Hängen, wendet sich aber schon kurz hinter der Brücke schnurstracks den Schwert-Bergen zu.
Während der ersten ruhigen Tage unserer Reise stiegen die Corr'n – wie sie zuweilen nach dem moytekischen Wort für Schwert auch genannt werden – immer höher vor uns auf. Schon bald wurde der breite Einschnitt zwischen ihnen sichtbar, auf den wir zuhielten, das Schwerttal, das die Corr'n teilt: Im Ophis erheben sich die mächtigen Ruika-Berge und hinter ihnen noch gewaltiger das Zwergengebirge selbst, im Machairas dagegen das Moyta-Bergland, dessen Ausläufer bis zur machairischen Küste und den Landen der Vanx-o-Riten reichen, voneinander getrennt nur durch die gewaltige Schlucht des wasserreichen Ruiji.
Für mich war allerdings der Punkt kaum zu bestimmen, ab dem sich unser Schiff nicht mehr im offenen Tiefland von Dondras Blitz, sondern schon im Schwerttal befand, soweit stehen Ruika- und Moyta-Berge am Eingang dieses Tals noch auseinander. Daher betrachten manche Kartographen auch dem oberen Teil des Schwerttals noch als Teil von Dondras Blitz – die Bewohner des Tals selbst allerdings sehen dies ganz anders.
Schon am nächsten Tag unserer Reise waren die immer steiler werdenden Talwände deutlich näher auf uns zu gerückt und kamen sich im Laufe der Fahrt immer näher, als ob die Berge sich miteinander vereinen wollten. Der Fluß selbst jedoch rollte dabei weiter sanft, gleichmäßig und gemächlich dahin; keine Stromschnelle störte unsere Fahrt durch das gut bewirtschaftete und dicht bevölkerte Land des Talgrunds, und des Abends konnten wir oft schon von ferne die Pfeiffer und Trommler der unzähligen Tanzfeste vernehmen, mit denen die Leute hier die Zeit zwischen Aussaat und Ernte füllen.
Während der folgenden Tage wurde das Tal nun immer enger, die Anhöhen zu beiden Seiten von Meile zu Meile höher, steiler und bedrohlicher. Am vierten Tag endlich, nachdem wir in das Tal eingefahren waren, wandte sich der Fluß dem Stauros zu, und vor dem Bug wurde die »Graue Pforte« sichtbar: Von links rückten gewaltige graue Sandsteinklippen immer näher an den Fluß heran, bis sie schließlich ihre Füße in seinem Lauf badeten. Auf der anderen Seite dagegen erhob sich vor uns ein gewaltiger Felsendom aus grau gesprenkeltem Granit, darauf eine »Krone« aus schmutzigweißem Kalkstein. Dieser aber ist durchzogen von blitzartig gezackten, gelblichen und rötlichen Adern andersfarbigen Steins, so dass die ganze, meilenhohe »Krone des Grauen Königs« wie ein kunstvolles, aber völlig fremdartiges Ornament wirkt.
Diese beiden Felsmassive bilden hier einen Trichter, in den der Ruiji schäumt. Dazwischen aber, inmitten des Flusses, erhebt sich ein hoher Fels mit der Ruine eines uralten, aus kaum behauenen Monolithen errichteten Turms. Der Legende nach soll hier einst eine wunderschöne Zauberin gehaust haben, die den Schiffern süße Lieder sang. Die aber, abgelenkt und betört durch den Gesang und den Anblick der Schönen, achteten nicht auf das gefährliche Fahrwasser und setzten hier oft ihre Kähne auf Grund; selbst aber wurden sie dann Beute der Flußgeister, durch deren Macht die Hexenmeisterin ewig jung und schön blieb. Schließlich aber gelang es einem jungen Schiffer, der sich ganz dem Dienste Dondras gewidmet hatte, ihren Zauber zu brechen; wie genau dies geschehen sei, darüber existieren höchst unterschiedliche, teils romantische, teils blutige Versionen. Einig sind sie sich jedoch darin, dass es am Ende ein Donnerkeil Dondras gewesen sei, der den Turm zerbrach. Hernach habe auch niemand mehr die Flußgeister mehr hier gesehen, denn sie fürchteten nun diesen Ort, an dem der Donnerer seine Macht gezeigt habe. Noch immer aber fallen zu gewissen Jahreszeiten Schiffer diesen Klippen zum Opfer, wenn sie zu wenig Umsicht walten lassen.
Die einzige andere Möglichkeit, vom Oberlauf ins Mitteltal zu kommen, das hinter dieser Pforte liegt, ist jedoch der schmale Pfad, der einst für die Treidelochsen in den Sand­stein des kladischen Ufers gehauen wurde, und der angeblich bis kurz vor unserer Ankunft noch vom früh­sommer­lichen Schmelzhochwasser aus den Schildbergen überspült gewesen war. Ich vermute aber, dass diese Auskunft nur für die niedriger gelegene Anfangspartie galt, nach der er steil ansteigt; im Innern der Grauen Pforte verlief er immerhin meist ein gutes Dutzend Schritt oberhalb der Wasserlinie.
Wir hatten die Pforte plangemäß in den frühen Morgenstunden erreicht und vor ihr Anker geworfen. Erst als die Mittagssonne hoch am Zenit stand und die Schatten kurz geworden waren, legte die »Flußdrachenbraut« wieder ab, um die Durchfahrt durch die Graue Pforte zu wagen. Zum ersten Mal erhielt meine Reise nun den Anschein eines gefährlichen Abenteuers.
Zwischen den Strudeln und Stromschnellen zu navigieren, stellenweise dicht an den unterspülten und überhängenden Sandfelsen des kladischen Ufers entlang, wo das Wasser aber ruhiger war als auf der anderen Seite unter der »Krone«, erforderte die ganze Konzentration Kor Ajun-Tans und seiner Mannschaft, und mir wurde klar, dass unser Schiff ohne ihre Erfahrung hier rettungslos verloren gewesen wäre. Glücklicherweise kam kein Schiff uns entgegen den Fluß hinauf – das hätte bedeutet, dass wir zur Ruika-Seite hätten ausweichen müssen, um uns nicht in den Seilen der Zugochsen auf dem Treidelpfad zu verwickeln, der über uns in den Fels gehauen war. Zwischen den Felsen wurde es nun trotz der hochstehenden Mittagssonne dieses klaren Sommertags immer dunkler (und mir immer kälter), während wir den schäumenden Windungen des Ruiji durch die enge, laute Passage folgten. In den Schatten der meilenhohen, steilen Felswände zu beiden Seiten drang selbst jetzt kaum ein Lichtstrahl vor.
Umso blendender schien mir das Licht, das nach der letzten Windung plötzlich vor dem Schiff aufschien. Die Klippen wichen auseinander, das Mitteltal öffnete sich vor uns. Eine letzte Windung des Ruiji führte uns nochmals in den Schatten am Fuss der Ruikas, während am Moyta-Ufer schon das satte Grün fetter Wiesen und wohlbestellter Felder aufschien.