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Aus den Aufzeichnungen des wandernden Gauklers und Illusionisten Jonival Bearbeiten

Erster der Ssakat 416 n.P., elfte Stunde des Morgens:

In Kürze erreichen wir Taphan; endlich komme ich von diesem Schiff herunter. Banausen, die Seeleute – nach zwei Tagen schon wollte keiner mehr etwas von meinen Kunststücken sehen oder meine Lieder hören. Ist es denn meine Schuld, daß für die wirklich aufsehenerregenden Tricks, die ich beherrsche, ein Schiff schlicht nicht genügend Platz bietet? Als ich in Olpmityst an Bord ging, wußten schon alle, daß ich die Statue Shawnassehs auf dem Marktplatz zum Verschwinden gebracht hatte, und erwarteten natürlich ähnlich tolle Dinge. Aber womit hätte ich dieses Kunststück auf dem Schiff wiederholen sollen – mit einem Faß Pökelfleisch? Mit dem Hauptmast? Vielleicht hätte ich die Bugfigur verbergen sollen, aber das hätte dem abergläubischen Volk sicher auch nicht gefallen. Was erwarten die denn? Gut, das Feuerspucken direkt unter dem Segel hat den Kapitän besorgt gemacht, und auf dem Seil gehen können die meisten von ihnen sicher besser als ich. Und Lieder vom Schlage „Der Kapitän hat eine Frau mit Schenkeln wie ein Ankertau“ gehören nun mal nicht zu meiner Sammlung! Aber ist das ein Grund, mich einen billigen Hofnarren zu schimpfen? Ich hoffe, in der Kernstadt weiß man meine Talente eher zu schätzen. Vielleicht kann ich ja sogar vor der Familie des Waldherren auftreten. Man sagt, Shawnasseh sei guter Unterhaltung sehr zugetan, und belohne sie großzügig.

Erster der Ssakat, zwölfte Stunde des Abends:

Mein liebes Schellenspiel – ist diese Stadt bevölkert. Ich dachte immer, auf Taphalon wohnt jeder für sich zwischen den Bäumen. Taphan ist ja eine richtige Feste geworden, auch wenn ich sonst keine Stadt kenne, deren Mauern die Form eines elfzackigen Sterns haben. Man erwartet fast, daß Yawannye persönlich auf einem Einhorn dahergeritten kommt. Aber eins muß man ihnen lassen, sie haben wahrlich den Wald in die Stadt geholt. Jeder Park hier wäre anderswo ein willkommener Bauplatz, und wenn ich bedenke, daß sich bei uns die Leute aufregen, wenn die Wurzeln eines Alleenbaumes das Pflaster unregelmäßig machen... hier scheint es eher so, als würden die Einwohner lieber gleich auf der nackten Erde laufen und fahren. Alles ist für die Ssakat geschmückt – echte und kunstvoll gefertigte Bäume wohin man sieht. Ich möchte wissen, wie lange sie an dem Gischoganbehang gestickt haben, der von der Außenmauer des Palastes hängt; der muß mindestens fünfzehn auf zwölf Schritt messen. Heute war wohl der Tag der Prozessionen und Andachten, aber morgen gehen die eigentlichen Feiern los. Turniere, Bardenwettstreit, Tanzplätze – ich denke fast, ich muß erst einmal eine Weile nur anderen zusehen, ehe ich mir selbst einen Ort zum Auftreten suche. Wenn das allerdings so schwierig wird, wie ein Tavernenzimmer zu finden es war, dann sehe ich schwarz für meinen Verdienst. Nun ja, der Tag war lang genug, ich sollte mir wohl etwas Schlaf gönnen.

Zweiter der Ssakat, zehnte Stunde des Morgens:

Ich wußte gar nicht, daß dunkles Brot so wohlschmeckend sein kann. Dies ist mit Abstand das beste und großzügigste Frühstück, das ich seit langem hatte. Die Wirtin meinte, alle Gastleute machten während der Feiertage größere Portionen, und erst recht in diesem Jahr, wo gleich ein dreifacher Anlaß gegeben sei – Ssakat, Ausklang des Jahres des Waldes, und Fertigstellung des Ausbaus zur Feste. Ganz allgemein achtet wohl in dieser Zeit keiner so recht darauf, was ihn die Feiertage kosten, so daß ich mit guter Entlohnung rechnen kann. Sie hat mir auch Plätze empfohlen, an denen ich mich aufstellen kann, so daß möglichst viele Leute meine Auftritte sehen. Darüberhinaus kann ich auch abends in der Taverne auftreten. Grund und Zeit genug also, mich erst noch ein wenig umzusehen.

Zweiter der Ssakat, sechste Abendstunde:

Wenn ich noch einmal geboren werde, dann als Bogenschütze in Taphanac. Das war mit Sicherheit das größte Schauspiel der Treffsicherheit, das ich je gesehen habe. Über die ganze Länge des Stadions haben sie zum Schluß geschossen, hundert Schritt gut und gerne, überall Hindernisse aufgestellt, und trotzdem lag der Unterschied zwischen Sieger und Zweitem nur in einem Fehlschuß, der dem Unterlegenen auf die elf Schuß unterlief (die Zahlen elf und acht scheinen sie hier wahrlich ernst zu nehmen.). Gegen dieses Geschick wirken mir meine Taschenspielereien ungelenk und plump. Selbst der Waldherr wirkte tief beeindruckt, obwohl er selbst die Eröffnungsrunde geschossen und gezeigt hatte, daß er durchaus auch mit dem Bogen umgehen kann. Aber ich hätte vor allem deswegen dabei sein mögen, weil die Schwester des Waldherren den Preis überreicht hat. Aus diesen Händen etwas entgegenzunehmen, in diese Augen blicken zu dürfen... aber genug der Schwärmerei, Jonival! Die Arbeit ruft.

Elfte Abendstunde:

Mutter, ich kaufe dir ein Kleid. Vater, nenn mir deinen Lieblingstabak. Schwesterherz, ein Ring für deine zarten Finger. Euer Sohn hat es gut getroffen in Taphan, und er will seinen Wohlstand teilen. Die Leute haben entweder eine besondere Vorliebe für Gaukler, oder ihnen sitzt das Geld wirklich sehr locker in den Beuteln während der Ssakat. Und dann die ganzen freien Weine in der Taverne... ich glaube, ich bin berauscht. Hat Alyena, die Schankmaid, mich nun wirklich so süß angelächelt, oder habe ich mir das eingebildet? Aber ich habe ja noch soviel Zeit, acht schöne, reiche eindrückliche Ssakat, und dann kann ich immer noch eine Weile länger bleiben. Morgen muß ich auf jeden Fall ins Haus der Worte, wenn die Barden sich messen. Und abends ist der erste der großen Tänze, vielleicht bekommt Alyena ja frei und begleitet mich... Ich werde mir auch einmal den Wald der Einkehr ansehen, von dem sie erzählt haben. Die Wirtin hat für den Thagdago eine Aufführung des "Großen Jonival" angekündigt – da muß ich mir etwas ganz Aufsehenerregendes für einfallen lassen. Vielleicht finde ich ja einen Kollegen, mit dem ich einen Trick austauschen kann. Die Gilden müßten das wissen. Was wenn der Maltyr von der Aufführung erfährt, und ich am Ende noch im Palast auftreten darf? Vor Yaltana... Wenn diese Ssakat ein Omen dafür sind, wie das neue Jahr wird, dann sehe ich ihm freudig entgegen. Vielleicht sollte ich mir das Baumorakel legen lassen, die Auguren hier sollen sehr fähig sein. Die Karten können mir womöglich sagen, wie meine Aussichten bei Alyena stehen. – Ich glaube, ich gehe schlafen, meine Schrift wird schon undeutlich, und morgen wird mir das Geschriebene wohl reichlich verworren vorkommen. Ein Klopfen...? Wer kann das sein, ich... Guter Himmel, das klingt wie Alyena. Genug der Worte!

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