Lirynélrhâd - HST
Zahlreich sind die Namen und Schreibungen der Hauptstadt von Rhyandi, der einzigen Metropole auf dem Auge der See. Dies ist einer davon.
Im zentralen Bergland der Insel, etwa 75 Rhyandische Landmeilen machairisch vom Kristallgebirge und gleich weit entfernt vom thysischen und lychnischen Meer erhebt sich aus felsigen Hügeln die Hauptstadt von Rhyandi, Lir-an-Elrhad, die Stadt des Neunfachen Rings und somit auch Hauptstadt des Ordens der Elrhadainn, Ihr Name geht zurück auf den Magier Elrhad O Dubhain, der vor etwa vierhundert Jahren die Insel fand und sie zu seiner Heimat machte.
Daher auch der Name, der in einer altertümlichen Form der heutigen rhyandischen Sprache etwa "Hafen des Elrhad" bedeutet Als älteste und größte rhyandische Stadt dient Lir-an-Elrhad auch heute noch als Vorlage für den Bau weiterer Städte, ist sie doch mit ihrer beispielhaften Bauweise, die sowohl den Anforderungen des rauhen Klimas wie auch den Neigungen der Menschen gerecht wird, nicht nur für die Rhyandi selbst zum Anziehungspunkt gewordene Der einzige wirkliche Nachteil ist in ihrer Lage zu sehen, denn sie besitzt, obwohl Hauptstadt eines SeefahrerVolkes, keinen Hafen, und die Entfernung zum nächsten Hafen beträgt 156 rhyandische Landmeilen. Wie fast alle bedeutenden Bauwerke, die seit dem großen Krieg mit dem Wüstenreich (näheres im Geschichtsarchiv der Elrhadainn vom silbernen Einhorn unter dem Stichwort Jorad-Akor) gebaut wurden, stellt sich Lir-an-Elrhad dem unvoreingenommenen Besucher sehr unscheinbar dar, denn er sieht, wenn er sich der Stadt nähert, zunächst einmal nichts«. Das einzige Anzeichen, das auf das Vorhandensein einer größeren menschlichen Ansiedlung hindeutet, ist der Verkehr auf den hier gut ausgebauten Straßeno Bei weiterer Annäherung wird er dann bemerken, daß die Ankommenden alle in einer Reihe von großen, turmartigen Bergen zu verschwinden scheinen, und damit hat er dann die bevorzugte Form einer rhyandischen Stadt bereits erfaßt, denn tatsächlich befindet sich die Stadt in diesem Berg und in den umliegenden Felstürmen von ähnlicher Form«.
Die Geschichte ihres Entstehens kurz skizziert: Bis zum Krieg gegen Ark-Batar lebten die Rhyandi sehr verstreut in einzelnen Felshöhlen und in kleineren Dörfern an der See0 Als Rhyandi nach dem gewonnenen Krieg in der Welt bekannt wurde, fanden mehr und mehr Menschen den Weg dorthin, so daß es notwendig wurde, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auf der Insel niederzulassen. Das Haupthindernis für eine einfache Lösung dieses Problems war das rauhe Klima. Leichte Hütten aus Holz oder ähnlichem Material wären in kurzer Zeit von den Stürmen zerstört worden, und für Steinhäuser hätte man die Steine erst aus dem Fels heraushauen müssen. Daß die Neuankömmlinge an das Klima nicht gewöhnt waren, kam erschwerend hinzu. Also, da man so oder so Steine aus dem Felsen schlagen mußte, entschloß man sich, gleich ganze Arbeit zu leisten und Wohnungen als Höhlen anzulegen, ähnlich denen, die die Rhyandi bisher bewohnten. Im Laufe der Zeit wurden dann mehr und mehr Höhlen am gleichen Ort angelegt, bis die kleine Höhlengruppe zu einer kleinen Höhlenstadt angewachsen war. Zu dieser Zeit legten auch die Elrhadainn ihren Wohnsitz nach Lir-an-Elrhad, das wegen des Neunfachen Rings, der hier seit der Zeit des Elrhad existierte, schon immer ihr geistiges Zentrum gewesen war. Im Laufe dieser Umsiedlung wurden die einzelnen Höhlengruppen auch durch Gänge miteinander verbunden und Luftschächte angelegt, da sich die Höhlenkomplexe immer weiter ins Innere der Berge ausdehnten. So wurde Lir-an-Elrhad schließlich zur größten Stadt auf Rhyandi, und bekannt als Stadt der Felsentürme. In späterer Zeit wurde Lir-an-Duine im Machairas nach diesem Muster angelegt, sowie in heutiger Zeit Jathannan an der Küste des lychnischen Meeres.
Der zentrale Felsenturm von Lir-an-Elrhad - insgesamt existieren acht davon - bietet folgendes Bild: Von außen ein senkrecht in den Himmel steigender Felsenturm ohne eine Spur von Pflanzenwuchs. Ein etwa 5 Stäbe breiter (Anm. d. Übersetzers: 9,25 Schritt) Eingang in Form eines Halbkreises befindet sich in Drittelhöhe, zu dem eine breite Straße hinaufführt. In den Wänden des Turmes sind unzählige runde Öffnungen - Luftschächte und Fenster - sowie einige söllerartige Ausbuchtungen zu erkennen. Abgesehen von dem Eingang, könnte das gesamte Gebilde auch natürlich gewachsen sein. Die söllerartigen Balkone dienen, nebenbei gesagt, nicht nur als Ausguckpunkte für Wachen, sondern als Plattformen, auf denen die Magier, deren Disziplin das Element Luft ist, ihrer Tätigkeit nachgehen. Von der Belüftung ist ebenfalls schon die Rede gewesen: Deshalb will ich hier nur noch erwähnen, daß die Schächte so angelegt wurden, daß der Sturm genügend Luft auch für die inneren Breiche der Stadt in die Öffnungen befördert. Auf diese Weise weht ein beständiger Luftstrom durch alle Bereiche der Stadt. Der Gesamtaufbau des Turmes hat den weiteren Vorteil, daß eventuelle Angreifer, sofern sie die Stadt nicht durch den gutbewachten und -verteidigten Eingang betreten wollen, erst einmal die senkrecht aufsteigenden Felswände erklimmen müssen.
Betreten wir nun das Stadtgebiet durch den erwähnten halbkreisförmigen Eingang, so finden wir uns in einem breiten Gang. Sofort sticht uns der Unterschied ins Auge zwischen dem Eindruck von der ein nüchternes, spartanisch lebendes Volk erwarten ließ, den faszinierend ausgearbeiteten und geschmückten Räumlichkeiten im Innern. Auffallend: Die Vorliebe für Silberschmuck, der in verschiedenen Formen an den Wänden der Gänge angebracht ist, und - wie könnte es anders sein - für kunstvoll ausgearbeitete Runeninschriften. Schon das gigantische Labyrinth der öffentlichen "Straßen" ist mit Fackeln und verschiedenfarbigen magischen Lichtern hell genug erleuchtet, daß kein Besucher eine eigene Fackel mitbringen muß, und an einigen Stellen hängen sogar in Leder eingearbeitete riesige Bilder an den Wänden, und seltener auch große Spiegel, die alle Lichter bis ins Unendliche wiederholen. Alles - Labyrinth, Lichter und Schmuck - erzeugt einen Eindruck des geheimnisvollen, zeitweise sogar Unheimlichen, und die Magier unterstützen diesen Effekt natürlich. Trotz des unübersichtlichen Gewirrs von Gängen, in dem sich auch Einwohner manchmal verlaufen, hat der Turm doch einen genau ausgearbeiteten Aufbau, was die Lage der einzelnen Räumlichkeiten angeht. Ganz außen befinden sich die Wohnungen für die ständigen, das heißt im Rahmen der rhyandischen Natur ständigen, Bewohner von Lir-an-Elrhad. Soweit sie nicht mit den Wohnbereichen zusammenfallen, schließen sich weiter innen die Arbeitsbereiche für die Spezialisten an, sowie für die Magier, die für die Ausübung ihrer Tätigkeit keine freie oder weite Sicht benötigen. Ganz innen befindet sich eine unübersehbare Menge von Gaststätten, die genausoviel Menschen aufnehmen können wie der Wohnbereich, kein Wunder bei den Menschen von Rhyandi, die mehr als ihr halbes Leben mit Reisen verbringen.
Zwischen diesen Bereichen laufen die Luftschächte, von denen es so viele geben muß, daß jeder Höhlenkomplex einen eigenen besitzt, und schließlich das Wichtigste Versorgungsnetz, die Wasseradern, die aus unterirdischen Quellen gespeist werden und in Brunnen enden, die an strategischen Punkten überall in der Stadt angelegt wurden. Eine weitere Wasserquelle für die Stadt sind die Zisternen, die Wasser aus Niederschlägen sammeln und die sich auf dem Gipfeln des Felsenturmes befinden, sowie sechs Bäche in der Umgebung, die man bei Wassermangel in die unterirdische Sammelstelle umleiten kann.
Die Vorrichtungen dafür wurden bereits vor dreihundert Jahren angelegt, als man dieses Problem erstmals hatte. Begeben wir uns nun in eine Wohnung eines durchschnittlichen Einwohners von Lir-an-Elrhad. Normalerweise besteht eine solche Wohnung aus drei, selten vier oder mehr einzelnen Höhlen und dient einem, selten zwei oder mehreren Menschen als Behausung. Die Räume sind meist gemütlich ausgestattet.mit Fellen, die von einem Tier stammen, das "Seewolf" genannt wird. Überhaupt haben die Rhyandi eine Vorliebe für Leder und Felle, die sie für Kleidung, als Teppich und als Schmuck verwenden. In jedem Raum gibt es eine Feuerstelle die so angelegt ist, daß der Luftstrom, der aus dem Schacht direkt neben der Eingangsöffnung kommt, den Abzug des Rauchs unterstützt. Bei Wohnungen, die sich an der Wand des Turmes befinden, entfällt natürlich die Luftzufuhr-Öffnung, da hier die Fenster dieselbe Funktion erfüllen. Die Ausstattung der Wohnungen mit hölzernen Möbeln ist meist sehr spärlich, da Holz auf Rhyandi sehr kostbar ist und das Vorhandene meist für den Bau von Schiffen benötigt wird. So sind Tische und Sitzgelegenheiten meist aus Stein und bestehen aus kleinen Felsstrukturen, die man beim Anlegen der Wohnung gleich stehengelassen hat. Betten sind entweder Nischen oder einfach freigelassene Stellen auf dem Boden, aber in jedem Fall mit Fellen besonders üppig belegt. Zur Aufbewahrung mchtverderbilcher Güter dienen gleichartige Nischen, die durch Ledervorhänge verschlossen werden können. Lebensmittel dagegen werden meist in kleinen Nischen die sich direkt neben der Frischluftöffnung befinden, gelagert, wo sie durch die dort hereinziehende kalte Luft gekühlt werden. Als Lichtquelle dienen, wie auch auf den öffentlichen Gängen, die bereits erwähnten Fackeln und magischen Lichter. Die Zubereitung von Lebensmitteln erfolgt an der Feuerstelle. Auch Schmuck entspricht den bereits in den Gängen anzutreffenden Bildern oder aus Silberdraht geknoteten Strukturen sowie Skulpturen aus schwarzem Marmor oder Massivbildnisse, ebenfalls aus Silber. Ein bekanntes Beispiel ist der silberne Katzenkopf, der den Elrhadainn des Katzenordens als Gürtelschnalle dient.
Auf dem Gipfel des Turmes, der ein wenig unberechtigt Stadtzentrum genannt wird, befindet sich schließlich das geistige Zentrum der rhyandischen Zivilisation, die Kuppel des Neunfachen Rings. Die genaue Beschreibung dieses Ortes, den jeder Elrhadan mindestens einmal in seinem Leben sieht, an dem sich zweimal im Jahr, an den Tagen der Sonnenwende, ein großer Teil der rhyandischen Bevölkerung zum Fest der Tathru versammelt, erfordert eine spezielle Sorgfalt und kann deshalb an dieser Stelle nur angedeutet werden. Die Kuppel des Rings ist ein runder Raum von etwa 100 Stöben Durchmesser (Anm. d.Übersetzerss 185 Schritt), dessen Boden mit silbernen Einlegearbeiten in Form von magischen Runen verziert ist. In seiner Mitte wurden neun riesige, quaderförmige Steinblöcke in einem Ring an den Ecken eines regelmäßigen Neunecks aufgestellt. An ihrer Innenseite befindet sich je ein Podest, zylinderförmig und aus schwarzem Marmor geschlagen und spiegelnd glatt geschliffen, das eine Skulptur aus demselben Material trägt. Diese stellt zwei Hände dar, die an den Handgelenken zusammengelegt sind und deren Finger sich nach oben zu einer sanften, umhüllenden Geste öffnen. Drei weitere solche Podeste befinden sich im Mittelpunkt und an zwei weiteren geometrischen Punkten innerhalb des Rings. Jedes Paar Hände umhüllt einen darin schwebenden Edelstein, den sogenannten Bewahrerstein, das Symbol für je eine der zwölf magischen Disziplinen der Elrhadainn. Zur Zeit, da dieser Bericht geschrieben wird, befinden sich einer der zwölf möglichen Bewahrersteine an dem für sie vorgesehenen Platz.
(Über die Bedeutung der Bewahrersteine und ihres Vorhandenseins im Neunfachen Rinq siehe "Der Neunfache Ring", von Scaith mac Luand).
Über dem Ring öffnet sich schließlich die Wand des Turms zum Himmel...
(Scaith mac Luand, Tewet 404, Lir-an-Elrhad)