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Purpurschatten - Borgon Dyl, Karcanon 407-410


Prolog Bearbeiten

Borgon-Dyl. Der Name des Landes stammt aus alter Zeit und bedeutet "Land Borgons". Nach einer Legende zeugte der Gott des Krieges und der Erde, den sie noch heute verehren, die ersten Sterblichen in der "Mitte des Landes" (Organ-Dyl) mit einer einfachen Frau. Doch wohl weniger wegen dieser Legende, als der Tatsache, daß die Sonne heiß auf das Land hinunterbrennt ist die Haut der Borgon-Dun schwarz.

Das Land erstreckt sich vom Schlund zur Inneren See im Ophis bis zu den Grenzen von Ataris im Machairas. Grün und fruchtbar ist die Erde der drei Provinzen des Reiches, das von vielen Flüssen durchzogen und an einem Großteil der Grenzen von Meer umgeben ist. Einfachstes Landleben steht im Gegensatz zu der Hochkultur der Städte, die sich in Kunst, Wissenschaft und Handwerk beweist.

Drei Götter verehren die Borgon Dun: Borgon, den Vater des Volkes und der Kriege. Über ihm steht noch Keiiris, die Schöpferin, die Hüterin des Lebensrades, die mehr ist als eine Fruchtbarkeitsgöttin oder Große Mutter Und schließlich Chnum, der Gott der weißen Einwanderer, der sich seinen Platz in den Herzen der Borgon Dun erkämpft hat, obwohl die Fehde zwischen Hell und Dunkelhäutigen noch immer besteht – betrachten die Borgon Dun sich doch als die Auserwählten, über den anderen Völkern stehenden...

Genauso erstaunlich sind die Sitten der Borgon-Dun. Von alters her ist es bestimmt, daß der Mann hinauszöge und sich einen neuen Ort zum Leben und eine Gefährtin suche, um mit ihr Kinder zu haben und ihr Haus zu schützen. Als Erbteil steht ihm alle bewegliche Habe zur Verfügung, Landbesitz bleibt aber in den Händen seiner weiblichen Verwandten – noch ein Unterschied zu den vaterrechtlichen Völkern der umgebenden Länder... Jede Frau, die sich entschließt, dem Ruf Borgons zu folgen fällt damit in eine Männerrolle.

So wie das Schwert als Symbol Borgons in die Hand des Borgon-Dun gegeben wurde, so hat die Frau die Aufgabe, das Leben, das sie hervorbringt und die erarbeiteten Güter zu bewahren und zu verwalten. Dies hat dazu geführt, daß auch die Verwaltung der Burgen und Städte zweigeteilt ist: ein militärischer Befehlshaber und eine zivile Verwalterin teilen sich die Macht. Nur die Herrscherin - Deye - ist immer weiblich, zum Gedenken an die erste Tochter Borgons.

Nun wurde Reijinara n'Varthar im Jahre 407 die Nachfolgerin ihrer Tante Lyralenda, welche selber keine Kinder hatte. Das Volk sah eine junge, ziemlich jähzornige und ungerechte Herrscherin vor sich, die, obgleich sie von frühester Kindheit zu diesem Amt erzogen worden war (oder gerade deswegen), keinerlei Verantwortung gegenüber ihrem Volk zeigte.

Reijinara haßte das übermächtige Vorbild ihrer Tante, die eine legendäre und ruhmreiche Herrscherin gewesen war, sie wollte ihren eigenen Weg gehen. Dies verleitete sie vielleicht auch dazu, schon nach einem halben Jahr, anderen das Reich zu überlassen, und sich selber in ein Abenteuer zu stürzen, das ihren Lebensweg verändern sollte – jedoch auf andere Art wie sie sich erhoffte.


Der Weg in die Dunkelheit Bearbeiten

Das erste, was sie spürte, als sich der Nebel um ihren Geist klärte, war ein dumpfer Schmerz, der von ihrem Hinterkopf ausging und bis in die Zehenspitzen drang. Sie gab ein leises Stöhnen von sich und versuchte die Hände zu bewegen. Vergebens. Wie von einer unbekannten Magie wurden sie von ihrem Kopf ferngehalten und waren schwer wie Blei. Dann vermochte sie das hässliche Klirren einzuordnen: Metall schlug an Metall. Gleichzeitig kehrte auch ihre Erinnerung zurück.

Was war sie doch für eine Närrin gewesen, gleich einer blinden Bettlerin in die Falle zu laufen, die man ihr gestellt hatte. Bei Borgons Hörnern! Sie hatte einmal zuviel ihr Glück versucht und nun wahrscheinlich alles verloren, was sie je errungen hatte. Sie konnte ihre Augen immer noch nicht öffnen. Selbst das gequälte Lächeln verursachte ihr Schmerzen.

Wie einfach war es doch gewesen, sich als Abtrünnige auszugeben und unter die Piraten zu mischen. Aye, es gab viele, die mit der Deye, der Herrin von Borgon-Dyl nicht einverstanden gewesen waren und einen Weg wählten, der ihnen zu größerer Macht verhalf, ohne entdeckt zu werden. Sie hatte ihnen erzählt, sie habe mit der Herrscherin gebrochen und wolle nun ihre Kräfte den Freibeutern zur Verfügung stellen. Dabei kannte sie Deye gut, sie selber war Reijinara, die Königin von Borgon-Dyl.

Sie hatte ihre Dienste als Schiffsbauerin angeboten und war in eine Werft gebracht worden, die auf einer Felseninsel, weit genug von der Küste entfernt gelegen hatte. In aller Ruhe vermochte sie verschiedene Pläne einzusehen, auch wenn man sie argwöhnisch beobachtete, aber es war weniger ihr Verhalten gewesen als der ehemalige Maat der Nectys - Doram. Die Gefangene stieß ihren Atem heftig aus.

Doram war einmal einer ihrer Untergebenen gewesen, als sie noch ein Schiff der Flotte befehligt hatte. Doram war den Verlockungen des Goldes erlegen und hatte Verrat begangen. Er war geflohen, als Reijinara dies mehr zufällig als bewußt herausgefunden hatte. Und nun nutzte er sein Wissen, um sich unter seinen Kumpanen eine bessere Stellung zu verschaffen. In einem der Felsengänge hatten ihr acht Mann aufgelauert, die zunächst nicht mit dem Kampfeswillen einer in die Enge getriebenen Wölfin gerechnet hatten. Sie kämpfte, bis ihr einer das Schwert aus den blutverschmierten Händen gehebelt hatte. Selbst als sie bereits am Boden lag und vier Männer sie festhalten mußten, hatte sie versucht sich loszureißen um einen ehrenvollen Tod im Kampf zu finden. Erst ein heftiger Schlag gegen ihren Kopf hatte sie besinnungs- und wehrlos gemacht.

Reijinara schaffte es endlich, ihre Augen zu öffnen. Sie konnte nicht viel mehr als die Ritzen in der Decke erkennen, durch die Sonnenlicht fiel. Unter sich spürte sie rauhes Segeltuch, das muffig roch. Die Umgebung schwankte leicht.

Sie war also auf einem Schiff, befand die Frau, nachdem sie eine Weile ruhig dagelegen hatte, um sich zu versichern, daß das Schlingern nicht an ihrem Zustand lag. Doch warum hatte man sie am Leben gelassen und an diesen Ort gebracht?

Sie bewegte sich vorsichtig. Schwere und recht kurze Ketten lagen um Hand- und Fußgelenke, so daß sie sich gerade einmal aufsetzen konnte. Man unterschätzte sie also nicht. Wußten diese räudigen Hunde vielleicht, wer sie war?

Reijinara versuchte sich aufzurichten, aber bei der geringsten Bewegung ihres Oberkörpers wurde ihr schwindelig. Übelkeit folgte, und sie würgte heftig hustend bittere Galle hervor. Erst nach einer Weile beruhigte sie sich und schloß die Augen. So konnte sie nicht viel ausrichten.

Ihre Gedanken schweiften in die Ferne - nach Burg Myrna,der Heimat ihrer Familie, wo sie während ihrer Rundreise durch Torgan-Dyl Halt gemacht hatte.

Medjiina, ihre Sklavin würde viel zu erklären haben, wenn die Illusionen, die über ihr lagen, verblassten. Damit Reijinara ungehindert das tun konnte, was sie wollte, hatte sie ihrer Leibsklavin, die sie seit ihrer Jugend "besaß", die Freiheit und auch die Erlaubnis, Jinhad ihren Geliebten zu heiraten gegeben, wenn sie in ihre Rolle schlüpfte. Denn es bedurfte nicht viel Zauberei, um sie zu verändern. Medjiina hatte Reijinara schon immer ähnlich gesehen, und der wandernde Magier, den sie bezahlt hatten, wenig Arbeit, sie äußerlich zu ihr zu machen. Die Dienerin kannte ihre Herrin genau, so daß sie sich auch sonst nicht allzuschnell durch ihr Verhalten verriet.

Arme Medjiina. Sie würde verzweifelt auf Reijinara warten, und sich irgendwann verraten. Man würde sie foltern, um zu erfahren, wo die Deye war, und vielleicht sogar hinrichten, denn die ehemalige Sklavin wußte selber nicht, wo sich Reijinara aufhielt und man konnte sie so für verstockt halten. Vielleicht würde man noch nach der wahren Deye suchen und ein Schiff der Kriegsflotte brachte diesen Segler auf...

'Nein!' vertrieb Reijinara den Funken Hoffnung. Die Piraten waren zu gewitzt, um den Küstenschiffen Borgon-Dyls ins Netz zu gehen, hatte sie diese doch selber zwei Jahre lang gejagt.

Bei Borgon! Sie war auf sich allein gestellt, und wenn sie zurückkehren wollte, mußte sie sich aus eigener Kraft befreien! Diese aber hatte sie jetzt nicht. Kopfschmerzen erschwerten ihr das Denken und steigerten ihre Wut.

"Schlingerbrut!" keuchte Reijinara und schnaubte, als sie ihren Kopf so gut es ging abtastete, und eine große Beule fand. Dann ergab sie sich ihrem Schicksal und erinnerte sich längst vergessen geglaubter Fähigkeiten, die sie von Erlara und anderen Weisen Frauen der Keiiris als junges Mädchen erlernt hatte. Schritt um Schritt beruhigte sie sich und versetzte sich in tiefen, heilsamen Schlaf...

... aus dem sie abrupt erwachte, als sich die Tür zu ihrem Gefängnis laut knarrend öffnete, und Licht in die kleine Kammer fiel, die ihrer Form nach im Vorderschiff liegen mußte und eigentlich für andere Zwecke gedacht war.

Reijinara blinzelte, weil das Licht der Öllampe in der Hand eines rauh aussehenden Mannes mit zottigen Haaren und einem ungepflegten Bart, sie blendete. Sie hatte sich instinktiv aufgerichtet und an die Planken gelehnt. Erneut kämpfte sie mit der Übelkeit, aber diesmal vermochte sie sie zurückzudrängen.

Er stützte eine Hand gegen die Seitenbalken. "Nun, bist du wildes, schwarzes Kätzchen wieder munter geworden? Du wirst deine Nase niemals wieder in Dinge stecken können, die dich nichts angehen" sagte er hämisch. Reijinara blickte mit unbewegter Miene, wie sie hoffte, zu ihm auf, während er weitersprach. "Du zermarterst deinen Kopf sicherlich, warum wir dich haben leben lassen, nicht wahr? Ein qualvoller Tod wäre für dich eher eine Belohnung..."

"Was versteht Möwenkot wie du schon vom Tod?" entgegnete Reijinara kalt, während sie sich bemühte ihren Jähzorn zu zügeln.

"Sehr viel, wenn man sie herbeiführt. Meine Männer hätten sicherlich viel Spaß an einer Hure, aber ich brauche sie gesund. Selbst in gefesseltem Zustand würdest du ihnen noch die Kehlen zerbeißen und die Knochen brechen. Aye, du bist nicht die erste schwarze Kriegerin in unserer Gewalt.- Nun, deine Zukunft ist eine bessere, und sie bringt uns Profit. Als Sklavin wirst du sicherlich eine Zierde sein - und erfreulich für den Herren, der dich zähmt..." Reijinara schnappte hörbar nach Luft. Der Zorn schoß in ihren Kopf und sie riß an ihren Fesseln. Eine Sklavin sollte sie sein? Eine Unfreie? Noch nie zuvor war eine n' Varthar in Ketten gewesen. Niemals!

"Du schweinegesichtiger Jauchenschlucker! Bastard einer läufigen Hure, die es mit allen trieb! Eine Sklavin? Versucht das nur, und ich werde euch alle töten! Bei Borgon, das schwöre ich euch!" explodierte sie und zerrte noch heftiger an ihren Fesseln. Im gleichen Moment wußte sie, daß sie einen Fehler gemacht hatte. Sie sank mit einem gequälten Stöhnen zurück als sich alles um sie drehte und schon verschorfte Wunden wieder brannten. Der Mann lachte schallend.

"Wir werden das nicht übernehmen. Wir bringen dich nur an einen Ort, Tirband, den wir eh aufsuchen wollten, der für seine erlesenen Sklaven bekannt ist... bei den richtigen Leuten." Reijinara spuckte Galle. Sie ballte die Fäuste und zitterte noch immer vor Wut, während ihr Verstand sie eine Närrin schalt. Aber ihr Zorn löschte jede Vernunft aus. "Dann wird der, der mich kauft es zu spüren bekommen, wenn es soweit kommt!"

"Soll er doch! Ich werde nur dafür sorgen, daß meine Ware nicht allzu beschädigt ist." Er senkte die Lampe ein wenig und nickte. "Ein paar Tage ohne Wasser und Nahrung werden dich schon ein bischen zahmer machen. Vielleicht bettelst du schon darum, wenn ich das nächste Mal zu dir komme."

"Niemals! Ich werde nicht darum bitten...ich nicht!"

Der Mann kannte sie besser. Reijinara hatte zwar geschworen, nichts aus seiner Hand anzunehmen, doch als die Tage verstrichen, die sie nicht mehr zu zählen vermochte, ließen sie Fieber und Durst so schwach werden, daß sie nicht einmal festgehalten werden mußte, als man ihr Wasser einflößte. 'Gift!' erkannte sie das erste Mal an dem bitteren Geschmack, aber ihr ausgedörrter Körper verlangte nach der lebensspendenden Flüssigkeit. Ebensosehr lähmte die hinzugesetzte Droge ihren Willen.

  • * *

Seit einigen Tagen ging es Reijinara wieder besser. Sie fühlte sich kräftiger und vermochte wieder klar zu denken, denn die Nebel, die ihren Geist gefangengehalten hatten, schwanden langsam. Das Wasser schmeckte längst nicht mehr so bitter.

Wahrscheinlich hatten sie das Ziel ihrer Reise fast erreicht, wo auch immer es genau liegen mochte und glaubten sie nicht mehr betäuben zu müssen.

Sie dachte wieder an Flucht. Es mußte doch möglich sein, aus den Ketten zu entkommen, und...

Aber dann? Sie befand sich nicht in einem der alten Heldenepen, in denen es immer einen Ausweg gab. Dies war bittere Wirklichkeit. Sie wußte nicht, wie sie so schnell wie möglich nach Borgon-Dyl zurückkehren konnte, um zu beweisen, daß sie noch lebte.

Borgon-Dyl! Reijinara ballte die Fäuste. Inzwischen mußte soviel Zeit vergangen sein, daß sie Shayol ihrer Base die Wolfskrone aufgesetzt hatten. Sie war die nächste weibliche Verwandte, solange Reijinara noch keine eigenen Kinder hatte.

Bei Borgons Hörnern. Sie war die Deye kraft ihres Blutes, und sie lebte noch! Sollte sie eines Tages wie Varene um ihren Thron kämpfen müssen?

Der Jähzorn brodelte wieder in ihr, aber sie vermochte ihn einzudämmen. War sie nicht selber schuld an ihrer Lage? Warum hatte sie so leichtsinnig gehandelt und ihr Leben durch eine dumme, sinnlose Idee in Gefahr gebracht, wenn ihr jetzt plötzlich der Thron so viel bedeutete?

Ein halbes Jahr nur hatte sie nach dem Tode ihrer Tante Lyralenda regiert - aber wie? Reijinara spürte Verbitterung. Sie hatte immer gewußt, daß sie eines Tages die Wolfskrone tragen würde, und die Deye, wie auch ihr Vater hatten versucht sie daraufhin zu erziehen. Reijinara erinnerte sich, wie sehr sie dagegen rebelliert hatte, zu einem Ebenbild ihrer Tante geformt zu werden, und mit welchem Zorn sie gegen alles was man ihr nahebrachte aufbegehrt hatte. Wieviel hatte es ihr wirklich bedeutet, Deye zu sein? Über ein Land zu herrschen? Verantwortung zu tragen?

Und doch zählte das jetzt nichts. Ebensowenig verlangte es sie danach, eine Unfreie zu sein. Sie dachte an die kleine weißhäutige Sklavin, Auria, die sich auch nicht damit abgefunden hatte, und sie zu einem Kampf herausgefordert hatte.

"Nur wer selbst einmal die Fesseln der Knechtschaft getragen hat, weiß, wie tief sie ins Fleisch schneiden können, und wie kostbar die Freiheit ist" murmelte Reijinara impulsiv und lächelte, obgleich ihre Lage genau das Gegenteil verlangte. Einen kurzen Augenblick spürte sie Schuld, als ihr Medjina in den Sinn kam. Wenn sie zurückkam würde die Freundin nicht mehr da sein - oder sie hassen...

Dann blickte sie an sich herunter und seufzte. 'Eine schöne Deye bin ich' dachte sie. 'Ich stinke schlimmer als ein Krieger nach dem Höhepunkt der Schlacht.'

Sie bot keinen angenehmen Anblick, so verdreckt, wie sie war. Immerhin hatten die Männer ihre Ketten verlängert, so daß sie ihre Notdurft in einen kleinen Eimer verrichten konnte, aber Schweiß, Blut und Staub bildeten eine gräulich-braune Schicht auf ihrer Haut und den paar Lumpen, die sie noch trug, ihre Haare standen wie die Borsten eines Stachelschweines ab. 'So würde mich nicht einmal meine Mutter erkennen.'

Reijinara machte sich nicht die Mühe, den Schmutz abzukratzen. Sie sah keinen Nutzen darin, sondern kauerte sich wieder hin, um abzuwarten.

Wieder öffnete sich die Tür mit einem Knarren. Doch es war nicht der magere Junge, der ihr Essen brachte und den Eimer austauschte, und nicht mit ihr sprach, sondern der bärtige Pirat. Er musterte sie einen Augenblick. Reijinara verzog das Gesicht und spuckte aus.

"Wie ich sehe, geht es dir einigermaßen gut, aber ansonsten bist du kein angenehmer Anblick. Steh auf."

"Warum sollte ich das?" spottete Reijinara. "Was willst du von mir? Noch spüre ich den Seegang!"

"Steh auf!" befahl er wieder. Er ließ zwei Matrosen an sich vorbei, die ihre Fußfesseln lösten, nachdem sie die Ketten an den Handgelenken verkürzt und arretiert hatten, so daß ihre Schultergelenke fast ausgekugelt wurden. Dennoch versuchte Reijinara zu treten. "Wenn du dich noch länger weigerst, dann werden meine Männer dir Gehorsam einprügeln. Sie kennen sehr schmerzhafte Methoden, die keine Wunden zurücklassen..." Einer der Männer griff nach Reijinaras Arm und drückte mit seinen Fingern so fest zu, daß sie leise aufschrie. Der Schmerz ließ ihren Körper schlimmer als bei einem Peitschenschlag zusammenzucken.

Auch wenn es gegen ihren Stolz sprach, Reijinara gehorchte nun und kam ohne weiteren Widerstand auf die Beine, als die beiden Seeleute ihr auch die Handfesseln lösten und sie hochzogen. Was hatten sie mit ihr vor?

Noch hatte sie an Deck nicht die üblichen Geräusche einer Hafeneinfahrt vernommen, und die Bewegung der Wellen war zu stark, als das sie in eine Bucht eingefahren sein konnten. "Bringt diese schmutzige Gassenkatze rasch an Deck, bevor sie wieder ungehorsam wird." sagte der Mann und verließ die Tür, während die beiden anderen Reijinara mit sich zerrten. Sie hatten Lederschlingen um ihre Handgelenke festgezurrt.

An Deck ließen sie Reijinara los, zogen ihre Arme aber soweit auseinander, daß sie keinen erreichen konnte, ohne sich eine Schulter auszukugeln. Die Frau jedoch genoß es, den frischen Seewind zu spüren - nie zuvor hatte er so würzig geschmeckt und blinzelte, bis ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Sie schnaubte, als sie in die Gesichter der wild aussehenden, hellhäutigen Mannschaft blickte und suchte dann den Horizont, an dem sich schwach eine Küstenlinie abzeichnete.

"Das ist also die schwarze Spionin, Jehemal?" schreckte sie eine dunkle Stimme auf. Ein älterer, schwarzhaariger Mann war neben den Piraten getreten, der immer mit ihr gesprochen hatte.

"Ja, Kapitän. Das ist die junge Hure, die ein bischen zu auffällig herumschnüffelte. Sermas hat sie am Leben gelassen."

"Sie sieht nicht so aus, als würde sie einen hohen Preis auf dem Sklavenmarkt bringen."

"Das täuscht. Unter der Kruste verbirgt sich eine fauchende Raubkatze mit geschmeidigen Gliedern und vollen Brüsten, einem Körper, den jeder Mann gerne besitzen möchte, bei Jani, der Verführerin und Lustvollen! Natürlich sieht sie nicht besonders aus, aber aus diesem Grund habe ich sie auch an Deck bringen lassen..."

Der Kapitän nickte. "Tut was ihr wollt, Jehemal!" Dann wandte er sich wieder ab, während der Angesprochene Rejinara breit angrinste und der Mannschaft ein Zeichen gab. "Los Jungs, zieht die Tigerin aus!"

Reijinara zitterte noch immer vor Wut und riß an den Riemen, die ihre Hände über dem Kopf zusammenbanden. Sie spürte das rauhe Holz des Mastes an ihrem Rücken. Jemand hatte auch ihre Füße zusammengeschnürt, so daß sie nicht austreten konnte. Wasser tropfte noch immer von ihren Haaren auf die Haut.

Sie war wieder sauber, wenn auch noch ungepflegt. Durch die lange Gefangenschaft war sie etwas blasser geworden. Ihre Handgelenke brannten, weil sie leicht bluteten. Wenn einer der Männer ihr zu nahe kam und wie zufällig ihren Körper streifte, zischte sie ihm wüste Beschimpfungen entgegen, denn noch immer stand ihr die entwürdigende Behandlung deutlich vor Augen.

Nachdem die Seeleute sie ausgezogen - um genau zu sein, die Lumpen von ihrem Körper gerissen hatten, war sie in einen großen Zuber mit Meerwasser geworfen worden, und mehrere Männer hatten sich bereitwillig um die Arbeit gestritten, sie zu waschen.

Reijinara htte es ihnen nicht leicht gemacht, zugeschlagen, getreten, gestrampelt, und manch einer der Männer, die dann aufgegeben hatten, rieb einen noch immer schmerzenden Körperteil. Um sie ruhig zu stellen hatten zwei sie schließlich so lange untergetaucht, bis ihr die Lungen zu bersten drohten. Als sie nur noch japsen konnte, hatten sie sie abgeschrubbt und ausgiebig an ihr herumgefingert.

Reijinara hatte ihnen Rache für diese Demütigung geschworen, als sie sie aus dem Zuber zogen und fesselten.

"Sollen wir sie nicht auch noch ein bischen zureiten?" hatte einer der Männer Jehmal lüstern gefragt, doch dieser hatte ihn mit scharfen Worten zurechtgewiesen und sie dann an den Mast binden lassen.

Nur ein Tuch, das im Nacken geknotet war und bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, bildete nun Reijinaras Kleidung. Das störte sie wenig, denn auch Nacktheit hätte sie nicht erschreckt. Sie war weder Prüde noch jungfräulich, und ihre Augen betrachteten verlangend die Waffen, die sie an jedem der Piraten sah. Wenn sie doch nur an ein Messer oder ein Schwert kommen konnte...

Der Sklavenmarkt war ein großer, mit teilweise überdachten Plattformen, Menschen, Tieren und der angeketteten Ware, angefüllter Platz. Sie stellte fest, daß sich hier nur wenige Dunkelhäutige befanden, fast alle Sklaven. Anbieter und Käufer waren von heller Hautfarbe, allenfalls von der Sonne gebräunt. Sie hatte kaum Zeit alles genau zu betrachten, denn ihre Bewacher zerrten sie weiter. Man hatte ihre Hände auf den Rücken zusammengebunden und einen Stock durchgeschoben, die Ellenbogen daran vrschnürt, so daß sie die Arme kaum bewegen konnte. Zwischen ihren Füßen war eine kurze Kette befestigt, die ihr nur kleine Schritte erlaubte. Sie stolperte mehrere Male, fiel aber nicht zu Boden. Sie spürte deutlich, wie die Blicke der Zuschauer sich auf sie richteten, denn nicht nur ihre Hautfarbe, sondern auch die Narben, die sie in Kämpfen erworben hatte, zeichneten sich deutlich ab, und die blutbefleckten Lederfesseln boten einen noch deutlicheren Hinweis auf ihre Wildheit. Und nicht nur das...

Vor Jahren hatte sie über die Berichte ihrer Freunde von Wenjalin gelacht, die von Barbaren berichteten, denen es ein besonderes Vergnügen bereitete, Kämpferinnen zu demütigen und damit zu brechen.

Ein Weißhäutiger - muskelbepackt, schaffte es kurz, ihre Schulter zu betasten. Sie sah seinen Blick und den Glanz in den tückischen kleinen Augen, und hatte doch nur einen wütenden Blick und ein Schnauben zur Antwort.

"Wieviel verlangt ihr für die da?" fragte er Jehemal.

"Genug, um den Preis hochzutreiben, den ihr mit bieten würdet!" erklärte dieser freundlich aber kalt. "Kommt in einem Strich der Sonnenuhr zum Stand von Tamed dem Buckligen und ihr könnt mit den anderen Kunden bieten!"

Der Zug an den Fesseln lockerte sich, weil auch ihre Bewacher abgelenkt waren. Reijinara blickte sich hastig um, machte einen Schritt nach vorne und sprang dann, so gut sie konnte zurück und entriß den Männern die Seile.

Doch sie kam nicht weit. Ihre Hoffnung, wenigstens getötet zu werden, erlosch, als sie einen Stoß in den Rücken bekam und zu Boden fiel. Reijinara schossen die Tränen in die Augen und biß in eine Hand, die sich ihrem Gesicht näherte. Ein Fußtritt traf sie in der Seite. Sie konnte nur noch nach Luft ringen. Schon wurde sie wieder unsanft auf die Beine gerissen. Jehemal schlug sie ins Gesicht.

"So hatten wir nicht gewettet, kleine Dirne! Deinem Schicksal wirst du nicht entgehen - und ihr passt besser auf!" schnauzte er die Männer an.

Aber er lächelte zufrieden, hatte dieser kleine Zwischenfall weiteren potentielle Käufer auf sie aufmerksam gemacht, wie selbst Reijinara nun bemerken konnte. Eine Sänfte hatte angehalten und weiße, beringte Finger einen Vorhang beiseitegeschoben. Jehemal trat an die Sänfte heran und wechselte einige Worte, die sie nicht verstehen konnte. Ihre Bewacher hielten sie grob fest, als sie sich nach vorne beugte. Sie ließen sie nun nicht mehr aus den Augen.

Jehemal kehrte nun zurück und betrachtete sie zufrieden. "Gut gemacht, Kätzchen. Du weißt dich wirklich auffällig anzubieten... schon wieder möchte dich einer erwerben..." Sein Lächeln wurde plötzlich grausam. "Aber versuch das nur noch einmal, und mein Mann wird dir Schmerzen zufügen, die du nicht vergessen wirst."

Er nickte jemandem zu, und Reijinara schrie auf, als sich die sanfte Berührung in einen stechenden Schmerz wandelte. "Du schleimiges Aas! Ich werde keine..."

Sie sank fast auf die Knie. Jehemal grinste breit. "Ich habe dir nicht zuviel versprochen" raunte er und winkte dann den Schaulustigen zu. "Man kan dunkle Raubkatzen auch zähmen, zumindest zeitweise",erklärte er, "Wenn ihr sie sehen wollt, dann kommt zum Mondtor."

  • * *

Tirband, die kleine Insel auf der sie war, lag vor der Küste von Ataris, wie sie aus Gesprächen erfahren hatte. Aber sie stand nicht unter der Oberhoheit dieses Reiches, ebensowenig war sie auf Seekarten verzeichnet. Tirband lebte nur vom Handel der Piraten untereinander. Man hatte Reijinara an ein Gestell gebunden, das ihre Arme und Beine gespreizt hielt, und es ihr unmöglich machte, sich zu bewegen. Die Lederschlingen schnitten in ihre wunden Handgelenke, und so hatte sie schließlich aufgegeben, sich aufzubäumen. Sie machte sich nur lächerlich, wenn sie weiter in dem Gestell zappelte und weckte die Neugier der Zuschauer nur noch mehr.

'Denkt was ihr wollt!' dachte sie und ließ ihren Blick über den Markt schweifen, während sie den kühlen Wind auf ihrer Haut spürte, der das Tuch flattern ließ. Es zeigte immer noch Spuren von Staub.

Sie blickte in die Gesichter anderer Ware - bemerkte Gelassenheit, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, aber auch Wut und Zorn. Nicht alle waren bereit, sich zu unterwerfen, aber die meisten gaben bereits auf. Auf den Sklavenmärkten von Organ-Dyl und Farathon war ihr dies nie sonderlich aufgefallen. 'Ich habe auch nicht darauf geachtet.'

Die Rufe der Anbieter gellte in ihren Ohren. "Ein kräftiger Junge - noch klein genug, um erzogen zu werden, als Begleiter für einen reichen Herrn!" "Seht diese weiblichen Rundungen! Können sie euch nicht entzücken?" "Er sieht zwar nicht gut aus, aber seine Schultern sind so breit wie die eines Ochsen und können schwere Lasten tragen!" Die Schreie vermischten sich in ihren Gedanken zu einer wirren Ansammlung von Worten, als sie ihren Geist abdriften ließ. Doch eine Berührung ließ sie hochschrecken. "Jetzt geht es zur Sache, Tigerin!" zischte Jehemal und löste den Knoten des Tuches in ihrem Nacken. Der Stoff flatterte zu Boden. "ich hoffe du erbringst einen mehr als angemessenen Preis für unsere Mühen!"

"Nichts!" giftete Reijinara zurück und starrte finster auf die Menge, die sich um die Plattform versammelte. Auch der Kräftige war darunter und fingerte an seiner Geldkatze. im Hintergrund erkannte sie die Sänfte wieder. Die Träger hatten sie abgestellt und kauerten nun erschöpft an den Seiten. Reijinara sah, daß die Männer angekettet waren. "Und nun zu einem Kleinod menschlicher Ware. Ja, kommt nur näher und betrachtet sie ruhig!" forderte der Händler seine Kunden auf und trat an sie heran. Er war ein kleiner, drahtiger und leicht gebeugter Mann, wieselflink und unruhig. Eifrig gestikulierend schwang er einen armlangen, fingerdicken Stock.

"Betrachtet dieses Weib, das so dunkel erscheint wie Dämonenbrut! Aber sie ist so menschlich wie ihr! sie ist eine Barbarin aus einem Land, nicht fern von hier, Borgon-Dyl, das von einer zügellosen, grausamen Hure regiert wird, von einem Weib! Ja, und mehr als das!" Reijinara zuckte zusammen, als er den Stock über ihren Bauch gleiten ließ und eine Narbe nachfuhr um dann eine Brust zu umkreisen. "Sie ist eine ungezähmte, wilde Kämpferin! Ein Raubtier, das dressiert werden will. Betrachtet die bebenden Flanken, die festen Hügel, ihr flaumiges Tal..." er kitzelte sie weiter, während Reijinara um ihre Selbstbeherrschung kämpfte.

Dann bog er den Stab und schob ihn unter ihr Kinn. "Aye, eine solche Frau zu besitzen ist eine Herausforderung. Ich hätte sie gerne genommen, aber das wäre euch gegenüber nicht statthaft gewesen. Seht das entschlossene Gesicht. Die funkelnden purpurfarbenen Augen, und ihr leuchtendes Haar! Man sagt, diese Farben zeugten bei den Wilden von höchstem Adel...und wer weiß, vielleicht ist sie sogar eine ihrer Barbarenfürstinnen... vielleicht sogar deren Königin..."

Die Menge gröhlte vor Lachen, während Reijinara nur das Gesicht verzog. 'Wenn du wüßtest, daß du mit deiner Behauptung mehr als Recht hast!'

Ein bitterer Geschmack war plötzlich in ihrem Mund, als sie an ihre Heimat dachte. Wieviel Zeit vergangen war, seit man die gefangen hatte, wußte sie nicht mehr, doch war das jetzt noch wichtig? Sie mußte diese erniedrigende Prozedur mit Würde über sich ergehen lassen, um später die Flucht zu versuchen. So entspannte sie sich, als der Händler von ihr abließ. "Ich Tamed fordere euch nun auf zu bieten, doch nennt einen guten Preis! 3000 sind das mindeste!"

Ein Raunen ging durch die Menge, und Reijinara ahnte, daß dies sehr hoch war. 'Immerhin bin ich ein besonders wertvolles Stück Fleisch.'

"Was ist? Höre ich keinen, der 3000 bietet? Keinen der dieses prächtige Weib erwerben will? Sie verspricht höchstes Vergnügen im Bett, und vielleicht noch an anderen Orten?"

Der Anbieter verschränkte die Arme. "Verschenken werde ich sie nicht, daß wißt ihr wohl! Ist keiner von euch Memmen Mannes genug, diese Stute zu reiten und ihr Bocken in sanften Trab zu verwandeln?"

"3000!"

Einer schien über die Beleidigung erzürnt und begann zu bieten. Und als hätten andere auf diesen Mutigen gewartet, begannen sie zu steigern, angeheizt durch den Händler, der Reijinara immer wieder berührte.

Schließlich boten nur noch wenige, und die Summe blieb auf 7300 stehen. Rejinara hoffte nur, daß es nicht der Kräftige war, denn sie hatte ihn immer wieder beobachtet und gespürt, daß er grausam war und selbst sie ihn fürchtete. Aber als sie nun sah, wie er missmutig zurückwich, atmete sie auf.

"Nun, bietet niemand mehr für diese Quelle heißer Leidenschaft?" versuchte der Händler die Menge noch einmal zu reizen. Aber die Männer schwiegen. "Nun gut!" grummelte Tamed der Bucklige nach einer Weile und zuckte mit den Schultern. "Dann ist sie an den Fürsten Telentrah verkauft!"

Reijinara suchte ihren Käufer, aber sie bemerkte nur Unruhe an der auffallenden Sänfte. Ein junger Mann rannte durch die Menge und schwenkte einen Beutel mit Münzen, die der Händler gierig entgegennahm, Bewaffnete folgten ihm in einigem Abstand.

Die Menschen zerstreuten sich, da es nun nicht mehr viel zu sehen gab, und die Borgon-Dun die letzte Ware gewesen war, die er anzubieten gehabt hatte. Tamed nickte ihnen zu, während er zu Jehemal trat. Die Männer umringten Reijinara.

"Mach keinen Ärger!" drohte einer der Krieger. Sie schnaubte nur und achtete genau darauf, wie sie ihre Fesseln lösten, um sich gegen sie fallen zu lassen. Mit diesem Verhalten schienen sie aber gerechnet zu haben, zwei packten ihre Handgelenke, ehe sie dies verhindern konnte, ein dritter schlug ihr in den Nacken. Reijinara war zu betäubt um sich zu wehren, als man sie von dem Podest und auf die Sänfte zuschleifte. Das letzte, was sie hörte war ein spöttisches Lachen.


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