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Kapitel 2: DIE SCHENKE

Die dunkel gekleidete Frau sprang gelenkig von ihrem Pferd und schaute sich suchend um. Alles an ihr deutete darauf hin, daß sie aus Sandramoris stammte, eine der dortigen Amazonen war. Deutlich sichtbar führte sie am Gürtel einen Langdolch mit sich, das schmale Gesicht unter der rotbraunen Lockenmähne wirkte ernst und verschlossen, der aufmerksame Beobachter vermochte den Haß in ihren funkelnden silbergrauen Augen zu sehen.

Sie war keine andere als Renje Danar, eine Kriegerin aus Sandramoris, dem Fürstentum der Frauen, die ihre Heimat verlassen hatte, um den Mann zu finden, der sie verraten hatte und betrogen. Außerdem hatte er ihr gemeinsames Kind nach der Geburt geraubt. Seit dieser Tat waren mehrere Monate vergangen, die Spuren nahezu verwischt. Er hatte groeßen Vorsprung geWonnen, da Renje, die noch schwach von der Geburt, aufgebrochen war, bald dafür hatte bezahlen müssen - nur hilfreichen Menschen verdankte sie es, daß sienoch lebte. Hinzu kam, daß sie sich ihren Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten hatte verdienen müssen, die für Sandramorerinnen nur schwer zu finden waren. Nun kehrte sie in einer Schenke ein - vielleicht erfuhr sie hier, nahe Wohlthat, mehr über den Verräter. Auch wenn sie diese vollen Häuser nicht liebte und die Verhaltensweisen der Leute ihr gegenüber haßte, mußte sie es durchstehen.

Lärm schlug ihr aus der Schankstube entgegen, kaum daß sie die Schwelle überschritten hatte. Renje sah sich um, suchte nach einem entlegenen, ruhigen Ort, an dem sie sich niederlassen konnte. Obwohl noch nicht Abend, war die Schenke doch schon wohlgefüllt. Überall saßen Männer jeden Alters, zechten oder spielten, unterhielten sich mit lauten, angeregten Stimmen. Hier und da bemerkte sie Frauen, die still auf ihren Plätzen saßen, und leichtbekleidete Schankmaiden, die sich um die Bestellungen kümmerten. Dann fand sie eine leere Bank an einem Fenster, die noch nicht besetzt war, durchschritt unbemerkt die Stube - die Leute waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt - und setzte sich, legte den schweren, wollenen Umhang beiseite. Reglos wartete sie, lauschte den Gesprächen, versuchte die Worte, die sie auffing, zu ordnen. Meist war es unbedeutendes Zeug, über die Probleme mit den Gattinnen, die Freuden sinnlicher Erlebnisse, die einem Edelfräulein sicher die Schamröte ins Gesicht getrieben hätten, und die üblichen Wirtshauszoten. Eines des Mädchen kam an ihren Tisch und stellte einen Krug mit Wein und einen Becher vor sie hin, doch Renje schüttelte den Kopf. "Wasser!”, sagte sie. Sie redete nicht mehr viel, seit das Schreckliche geschehen war. "Und zu Essen, das, was ihr habt!" Das Mädchen verzog zwar das Gesicht, nahm aber den Krug mit, kehrte wezurück und stellte das Gewünschte vor Renje ab. Die Amazone brach ihr Brot und kaute bedächtig, während sie nicht abließ in ihrer Beobachtung. In diesem Moment traten einige laut grölende Männer ein, Söldner oder Abenteurer, die sich wohl einen lustigen Abend machen wollten - und steuerten auf Renjes Tisch zu, der wohl der einzige noch freie war. Mit sich brachten sie zwei grell geschminkte Weiber, offenbar Mitglieder der ältesten Zunft der Welt, die aufreizend kicherten, als die Männer, die sie im Arm hielten, sie zwickten. Der dritte im Bunde, ein großer, vierschrötiger und muskelbepackter Barbar, musterte Renje verächtlich. "Na, Kleiner, du brauchst wohl nicht den ganzen Tisch für dich, oder? Deine Lockenpracht sieht aber hübsch aus...", höhnte er, doch kalte graue Augen funkelten ihn nur verächtlich und abweisend an. "Oho - der Bursche ist sich zu fein, um mit mir zu reden! Na, das freut mich aber weniger..." Renje zitterte vor Wut. Sie beherrschte sich krampfhaft, um nicht aufzufallen, obwohl sie einen großen Haß auf alles Männliche dieser Art hatte. Sie hielt seinem Blick stand. "He, wir haben Durst!", grölten die anderen. "Räum doch endlich den Tisch mit ihm ab, wenn es dir nicht paßt!", stachelten sie den Barbaren an. Dieser zögerte nicht. Er beugte sich nach vorne, um nach Renje zu grabschen, doch geistesgegenwärtig schleuderte sie den Krug Wasser nach ihm. Er traf seine breite Brust, verursachte aber keinen Schaden. "Oh, Oh...", murmelte der Riese knirschend. "Das hättest du nicht tun sollen. Dafür zermatsche ich dich wie eine Pflaume." Mit einem Hieb fegte er das Essen vom Tisch und holte erneut aus, um sie zu schlagen. Die braunhaarige Frau sprang auf und stellte sich mit einem Sprung auf die Bank. Blitzschnell hatte sie ihren Langdolch gezogen. Es wurde totenstill in der Schenke, alles beobachtete gebannt den Streit. Der Wirt winkte nervös mit den Armen. "Aufhören! Oder ich rufe die Wache und lasse euch verhaften!", schrie er in die Stube, wurde aber von dem dröhnenden Lachen des Barbaren unterbrochen. "Erst erledige ich dieses aufmüpfige Weib, damit es erkennt, wo sein Platz ist!", erklärte der Riese, der nun sah, daß Renje weiblich war. "Komm, lege deinen Zahnstocher nieder und schmiege dich an mich, wenn du nicht willst, daß ich deine hübschen Glieder mißhandle.!" Renje sprach wieder nicht, musterte ihn nur und versuchte, jede Reaktion abzulesen, während sich ihr rechter Fuß unter den abgelegten Umhang schob. Gerade als er sich ihr nähern wollte - noch hatte er nicht das breite Schwert an seiner Seite gezogen - schleuderte sie ihm den Stoff ins Gesicht, sprang über ihn hinweg, als er sich zu befreien suchte. Seine Kumpane stießen die Dirnen von sich und zogen ihre Waffen, als sie sahen, was mit ihren Freund geschah. Sie versperrten der Amazone den Weg. "Du entkommst uns nicht, Weib! Wenn wir mir dir fertig sind, wird dich nicht einmal der schmutzigste Bettler haben wollen!", gifteten sie. Die Anwesenden lauschten und pflichteten ihnen fast alle bei, nur einige wurden bleich und nickten Renje ermutigend zu. Die Amazone wirbelte herum - drei Gegner. Zuviel für sie, aber nun einmal da.

"Dann versucht es doch!", entgegnete sie kalt und griff überraschend an. Ehe er sich versah, zierte das Gesicht des einen eine blutige Schramme, der andere blickte auf seine blutende Hand. Der Barbar warf sich von hinten auf sie, doch Renje wich noch rechtzeitig aus, drehte “sich gelenkig und setzte ihn mit einem äußerst unfairen Tritt außer Gefecht. Ihre Abneigung gab ihr die Kraft, alles anzuwenden, was sie beherrschte. Stöhnend wälzte sich der Riese am Boden, verkrampft, aber immer noch willens, sie von den Beinen zu reißen. Mit Wutgebrüll stürzten sich die anderen auf sie. Die Sandramorerin prallte gegen einen unbeteiligten Gast, der ihre Hüfte umklammerte. Renje schlug nach hinten aus, ein Schmerzensschrei und daß sie losgelassen wurde bestätigten ihr, daß sie getroffen hatte. Aber nur mehr Feinde hatte sie sich damit geschaffen. Freunde des Getroffenen wollten in den Kampf eingreifen. Flucht, gellte es in ihrem Kopf, gegen sie alle komme ich nicht an. Und ehe ich eingekesselt werde...Mit einem Schrei sprang sie auf einen Tisch, stieß die Krüge und Teller um und floh zur Eingangstür. Ein gerade Eingetretener wurde beiseitegestoßen, sie entriß einem unbekannten Reiter die Zügel seines Pferdes. Dann galoppierte sie davon, die Schreie ihrer Verfolger mißachtend. Einige wollten sie noch länger verfolgen, aber die Amazone hängte sie ab und gab das Pferd schließlich auf. Zu Fuß, nur bewaffnet mit ihrem Langdolch und im Besitz einiger Münzen, näherte sie sich der Hauptstadt, in der Hoffnung, wenigstens hier etwas zu erfahren...



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