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Die Yerba - Kundschafter - (eine Geschichte aus den Tagen des Aufbruchs in Nykerien)


Ich liege müde in meinem Versteck, den Oberkörper gegen eine Pappel gelehnt. Ich bin einige hundert Trabstunden von meiner Herde weg, habe unzählige Wegstunden bergauf und bergab in diesem fremden Land hinter mir und zuletzt die stundenlange Suche nach Futter in den Beinen. Neben mir verlischt langsam mein Feuer und die frühe Dämmerung des Winters schlägt über mir zusammen. Der Wildschweinfrischling, den ich mir gebraten habe ist halb verzehrt und wird noch für den Morgen reichen, einige Äpfel sind auch noch da. Ich warte auf Jon Thorbensson.

Wir Kundschafter der Yerba zeigen uns den Nykeriern so wenig wie möglich. Wir halten uns an die dünn besiedelten Wälder und Heiden und meiden den Umkreis der Dörfer und Städte. So können wir durch das Land vom Hexenwall zum Eisrand streifen, ohne dass ein Mensch uns bemerkt.

Aber es ist unsere Aufgabe, möglichst viel über die Völker Nykeriens herauszufinden, über ihre Reiche und über die Bauwerke, welche sie errichten. Deshalb ist es für die Kundschafter unumgänglich mit vertrauenswürdigen Menschen zu reden um mehr über sie zu erfahren.

Hier helfen uns unsere Geschwister, die Pferde. Denn sie kennen die Menschen, die sie reiten genau, gerade weil sie mehr mit dem Herzen denn mit dem Verstand urteilen. Aranxa, die Leitstute der Herde von Freiherr Thorbensson und Pferd seines Sohnes Jon wird ihren Reiter zu mir führen.

Aranxa und ich haben uns auf der Koppel der Thorbenssons kennen gelernt. Deren Besitz liegt am Rande eines Gebietes, welches die Schwestern der Medea beanspruchen. Hier herrscht noch tiefer Friede und Sicherheit, wie überall, wo nicht vermessene Herrscher fremdes Blut vergießen um ihre Reiche zu errichten. Deshalb war die Koppel unbewacht und ich konnte unbemerkt von allen Menschen mit einem leichten Sprung über die Gatter setzen, welche den Pferden ein Gefühl der Sicherheit geben.

Aranxa hat mich lange vorher bemerkt aber ihre Herde nicht alarmiert, da ich vertraut nach Mensch und Pferd rieche und meine Silhouette zumindest im unteren Teil einem Pferd gleicht.

Ich gesellte mich zu ihr. Wir wurden rasch vertraut. Sie versprach mir, ihren Reiter zu meinem Versteck zu führen.

Dazu sind nur wenige Pferde fähig. Intelligenz und Sprache gehören nicht zu den Fähigkeiten, die Pferden nützlich oder notwendig sind oder die sie leicht erlernen. Denn diese Fertigkeiten unterstützen ihr Leben weder in Gefangenschaft, wo ihre Reiter ihr Können beschränken noch in Freiheit, wo schnelle Instinkte ihr Überleben sichern. Selbst den Menschen, die das Glück haben ein intelligentes und sprechendes Pferd zu reiten ist die Sprache der Pferde meist nicht zugänglich, weil sie Laute und Gestik ihrer Tiere ignorieren, weil sie nicht glauben können, dass ihre Tiere tatsächlich mit ihnen reden.

Ich höre Hufgetrappel hinter mir. Aranxa mit Jon Thorbensson nähert sich. Ihr Reiter versucht sie angesichts der drohenden Dunkelheit zum Gehöft zurückzulenken, doch sie trägt ihn unbeeindruckt zu meinem Versteck. Ich stehe auf um mich dem Paar zu zeigen. Jon, schon überrascht von meinem einsamen Feuer in der Wildnis steht Unglauben ins Gesicht geschrieben. Es ist nicht der Schemen eines Zentauren, es ist ein nackter, weiblicher Oberkörper, der ihn fassungslos macht.

Ich gebe ihm Gelegenheit, sich an meinen Anblick zu gewöhnen, ehe seine menschliche Erziehung die Oberhand gewinnt und er sich errötend abwendet. Ich nutze seine Verlegenheit, trete neben den Reiter und umarme ihn. Keine Aktion entwaffnet einen Mann wirksamer als die Umarmung einer Frau, selbst wenn diese Frau eine Zentaurenstute ist und vom Bauchnabel abwärts Pferd.

So bleibt Jons Dolch im Gürtel, er steigt von Aranxa und beide lagern sich an mein Feuer. Ich biete ihnen Wasser und Fleisch, Äpfel und Gras an. Wir essen und haben Ruhe uns kennen zu lernen. Der Mensch nimmt die Begegnung mit dem Zentauren gelassen hin, Aranxa hat eine gute Wahl getroffen ihn zu mir zu führen. Ich höre aus seiner Stimme und lese in seiner Gestik, dass beide den Zentauren ein gute Freunde sein werden. Leider ist er stark an sein bisheriges Leben gebunden, gerne hätte ich Aranxa und Jon als Gefährten gewonnen. Als Herde zu dritt wäre der Kundschafterritt schöner und leichter geworden.

So bleiben uns lange Stunden eines guten Gespräches, in denen Mensch und Zentaur viel voneinander lernen. Menschen wie Jon sind es, die in mir Vertrauen wachsen lassen, dass das friedliche Nebeneinander von Mensch und Zentaur möglich sind.

Als beide mich verlassen bereite ich mich auf die Zwiesprache mit Mark Maritain vor, um ihm meine Erlebnisse zu berichten. Ich nehme getrockneten Alppilz aus meinem Vorrat und beginne, die zähe und bittere Masse bedächtig zu kauen.

Meine Glieder erschlaffen und ich lasse meinen Oberkörper zu Boden sinken. Den Boden spüre ich schon nicht mehr, meine Wahrnehmung beschränkt sich auf das Gehör. Ich habe den Eindruck als weichen die Bäume zurück und als ebnen sich die Hügel der Umgebung ein, als breite sich um mich herum eine gewaltige Ebene aus, immer größer wachsend. Meine Ohren nehmen Laute aus immer größerer Entfernung wahr, zwei Melodien gleichzeitig lauschend, dem Bassgrummeln des weltlichen Nykeriens und den geistigen Obertönen seiner Anderwelt.

Da ist Jon, der Aranxa den Sattel abnimmt und sie trocken reibt; ein Rudel Wölfe, das in der Wildnis eine Elchkuh reißt; große Flüsse, die aus den Bergen des Klados zur Silbersee strömen; ein Heerlager Westans; die vertrauten, nächtlichen Geräusche der Yerbaherde. Darin eingebettet die gelegentlichen, hellere Töne geistiger Disziplinen; der lichte Verstand eines unbekannten Weisen der Menschen; endlich der Geist meines Windrufers Mark Maritain, wie eine strahlende Harmonie über dem Bassgrummeln der Hintergrundgeräusche.

Aufmerksam lauscht er über weglose Weiten hinweg der Schilderung meiner Fahrt, sagt mir, wo andere Kundschafter gereist sind und in welche Richtung ich meine Aufmerksamkeit richten soll.

Die Wirkung des Alppilzes lässt nach und meine Wahrnehmung zersplittert in einem Crescendo wirrer Laute. Plötzlich spüre ich wieder das raue Gras unter meinem Bauch, den Schweiß des Rausches auf meinen Flanken, den dunklen, schaumigen Speichel des Alppilzes auf meinen Brüsten. Flüchtig wische ich mich trocken und versinke in einen tiefen, erschöpften Schlaf.

Am Morgen wecken mich die ersten Vögel des Frühjahrs. Ich schüttele den Schlaf aus meinen Haaren und wasche Speichel, Schweiß und Dreck in der nahen Quelle ab. Ein Frühstück wird es nicht geben, was ich aufgespart hatte habe ich mit Jon und Aranxa geteilt. Vorsichtig trete ich aus dem Dickicht. Nykerien liegt verlassen vor mir. In fünf Minuten ist mein bescheidenes Gepäck zusammengesucht. Ich galoppiere auf die offene Heide hinaus.

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