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Das Jahr der Stille auf Kiombael

Als das Orakel der Sieben Pforten im letzten Mond des Jahres 423 nach Pondaron verkündete, in wenigen Wochen würde das sogenannte »Jahr der Stille« anbrechen, konnte noch niemand auf Kiombael ahnen, was dies tatsächlich für den »Spiegel der Welt« bedeuten würde. Allerorten hoffte man nach den vorangegangenen, betriebsamen Jahren auf eine ruhige Zeit und auf ebenso viel Frieden wie Beschaulichkeit.

Doch es kam auf eine beängstigende Art und Weise anders. Innerhalb desersten halben Jahres 424 n.P. erhielten ausnahmslos alle Herrscher Kunde aus ihren Provinzen, dass sich seltsame Begebenheiten häuften: einzelne Menschen wie Tiere erstarrten immer wieder für kurze Zeit mitten in ihrem Tun, von Bäumen fallende Blätter blieben für einige Herzschläge mitten in der Luft stehen, und einmal verharrt sogar ein ganzes Provinzheer für fast eine Stunde mitten im Trab auf der Strasse. Offenbar schien an einzelnen Orten überall auf Kiombael immer wieder die Zeit stehenzubleiben.

Die Vorfälle häuften sich. Die Magier aller Länder und die Priester aller Götter suchten nach den Ursachen dieser rätselhaften Ereignisse. Mit Beginn des Herbstes auf Myra waren inzwischen ganze Landstriche überall auf Kiombael betroffen von der »Grossen Stille«, wie das Phänomen mittlerweise im Volksmund genannt wurde, während die Magiebegabten Kiombaels auch von der »Zeitseuche« oder »Zeitpest« sprachen. Mitunter blieb für viele Orte die Zeit für mehrere Stunden stehen, während die Zeit in den umliegenden Gebieten weiterhin normal verlief.

Der Einbruch des Winters brachte eine Verschärfung der Situation. Viele Gebiete und Provinzen fielen komplett in »Zeitschlaf«, indem dort die Zeit einfach stehenblieb und nicht wieder anlief. Keine der magischen oder göttlichen Forschungen ergab eine Lösung für das Problem, wenn auch antimagische Zauber und Wunder die Wirkung der Grossen Stille zeitweise wieder aufheben konnte. Allerdings fanden einige wandernde Zauberer ein magisches Metall, das offenbar gegen die unbekannten Effekte schützte und das sie »Achronit« nannten. Die wenigen Orte auf Kiombael, an denen das Achronit gefunden werden konnte, waren heiss begehrt und zu normalen Zeiten wäre es zu erbitterten Auseinandersetzungen um Schürfrechte und Gebietsansprüche gekommen.

Doch dies waren keine normalen Zeiten. Zwar gingen die Herrscherhäuser, einflussreiche Händler und auch Wanderer daran, sich mit achronitischen Gegenständen und Schmuckstücken gegen die Zeitseuche zu schützen, aber die Heere der Reiche waren im Zeitschlaf gefangen. Gegen Ende des Jahres schliesslich gab es - wie es schien - kaum noch einen Ort auf Kiombael, an dem die Grosse Stille nicht wirkte. Nur wenige Menschen waren durch Achronit gegen die Wirkungen der Zeitpest geschützt.

Doch es gab einen Bereich Kiombaels, der offenbar in Gänze unbeeinträchtigt war von der Grossen Stille - dies waren der Subkontinent Kiomba und die ihm nahe gelagerten Inselgruppen, wozu vermutlich auch Elorr, auf dem das Reich Iora lag, gehörte.

Inmitten des Winters machten sich daher die von Achronit geschützten Menschen von überall her auf nach Kiomba, um dort entweder eine neue Heimat zu finden oder die Ursache der Grossen Stille - gerade in Zusammenhang mit der Tatsache, dass Kiomba von der Zeitseuche nicht beeinträchtigt wurde - zu erforschen.

So trafen gegen Ende des Jahres 424 nach Pondaron in den Häfen Kiombas Herrscher ebenso wie wandernde Magier und Priester ein. Sie waren vor allem konfrontiert mit einem - aufgrund des Verschwindens ihres Herrschers - in Auflösung begriffenen Reich Aldowereiya und einem von Frauen geführten Harpland, das die Gunst der Stunde zu nutzen trachtete, um einstige Gebiete zu beanspruchen und zu erobern.

In den letzten Tagen vor Jahresende trafen Boten aus Kanarys ein, die einenSpruch des Orakels der Sieben Pforten verkündeten. Demnacht würde das folgende Jahr im Zeichen des Adlers stehen. Beflügelt von der Aussicht der Stärkung ihres Gottes gingen die auf Kiomba gelandeten Dondrapriester daran, ihren Einfluss auf dem Subkontinent auszudehnen. Dabei kam ihnen die verworrene politische wie militärische Situation in Aldowereiya und Harpland deutlich zugute. Es gelang ihnen nicht nur, alte Stätten des Adlergottes wieder zu finden, sondern auch Truppen unter ihren Einfluss zu bekommen. Der Jahreswechsel auf Kiomba verlief für die meisten Menschen auf dem Subkontinent eher in Unruhe und Aufruhr, und mitunter im Aufbruch.

Das Jahr der Stille, das Kiombael nicht nur Ruhe und Beschaulichkeit, sondern vor allem ein offenbar magisches Phänomen mit enormen Auswirkungen brachte, endete, und das Jahr des Adlers begann. Es dauerte keine zwei Wochen, da war die Lage auf Kiomba noch verworrener als zuvor. Im Zuge der immer weniger organisierten Reichsstrukturen desertierten viele Angehörige aus allen Reichsheeren, während die durch die Priesterschaft des Dondra beeinflussten Truppen nicht nur durch Aldowereiya und Harpland zogen, sondern auch ins Buka-Hochland vorstiessen. Dort trafen sie zwar auf Widerstand durch Buka-Boos, der stellenweise jedoch gebrochen werden konnte und so konnten weite Gebiete der Hochebene und der Hochlandhügel Kiombas erobert werden. Unter dem Adlerbanner Dondras zogen Heere und unter eigenen Fahnen zogen Söldnergruppen durch ganz Kiomba, während die auf Kiomba eingetroffenen Mächtigen der kontinentalen Reiche ihren Einfluss zu mehren suchten und sich zu losen Organisationen zusammenfanden.

Einen Mond nach Beginn des Adlerjahres glich Kiomba einem Hexenkessel. Intrigen und Winkelzüge regierten die Städte und Ortschaften im Gebiet der Länder Aldowereiya und Harpland, die längst nicht mehr Reiche genannt werden konnten. Heere und Truppen verschiedenster Interessengruppen durchquerten die Lande und erhoben Ansprüche, die sich nur teilweise durchsetzen konnten. Adelige aus allen Reichen Kiombaels fanden ihre Spielwiese in der Einflusspolitik des Subkontinents. Angehörige der seltsamsten Völker suchten sich - mitunter mit recht zweifelhaften Mitteln - ihren Platz auf Kiomba. Magier aus aller Welt und Priester aller Glaubensrichtungen waren miteinander auf Kiomba konfrontiert und begannen mit den Kämpfen um Macht und Einfluss. Magiebegabte jeder Art forschten nach den Ursachen der Grossen Stille.

Der zweite Mond im Jahr des Adlers brachte nur wenige Lösungen. Unter dem Druck der im Hochland agierenden Truppen verschiedener Machthaber zogen sich die Buka-Boos strategisch in einzelne Enklaven zurück, während Aaghryhr - von allen politischen und militärischen Vorgängen unbeeindruckt - seine distanzierte Position auf Kiomba deutlich machte und bekräftigte, indem es sich politisch abgrenzte und seine Grenztruppen verstärkte. Im Gebiet der ehemaligen Reiche Aldowereiya und Harpland herrschte auch weiterhin Wirrnis.

Die politische Lage auf ganz Kiomba, mit Ausnahme von Aaghryhr, war vollkommen unüberschaubar und stark von lokalen Machthabern gekennzeichnet. Eine einheitliche politische oder militärische Kraft gab es bislang nicht und die Einflussgebiete der einzelnen Machtgruppierungen waren im Land angeordnet wie ein Fleckenteppich.

Nun beginnt der dritte Monat des Adlerjahres. Kiomba ist der Ort, an dem sich derzeit die von der Zeitseuche Geschützen sammeln und mit- oder gegeneinander agieren. Ungewiss ist, was die Zukunft bringt. Sicher ist jedoch, dass die für den gesamten Erdkreis bedeutsamen Ereignisse hier geschehen werden: auf Kiomba.

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